The Project Gutenberg EBook of Maerchen-Almanach auf das Jahr 1826 by Wilhelm Hauff Copyright laws are changing all over the world. Be sure to check the copyright laws for your country before downloading or redistributing this or any other Project Gutenberg eBook. This header should be the first thing seen when viewing this Project Gutenberg file. Please do not remove it. Do not change or edit the header without written permission. Please read the "legal small print," and other information about the eBook and Project Gutenberg at the bottom of this file. Included is important information about your specific rights and restrictions in how the file may be used. 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We are releasing two versions of this Etext, one in 7-bit format, known as Plain Vanilla ASCII, which can be sent via plain email-- and one in 8-bit format, which includes higher order characters-- which requires a binary transfer, or sent as email attachment and may require more specialized programs to display the accents. This is the 8-bit version. This book content was graciously contributed by the Gutenberg Projekt-DE. That project is reachable at the web site http://gutenberg2000.de. Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE" zur Verfügung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse http://gutenberg2000.de erreichbar. Maerchen-Almanach auf das Jahr 1826 Wilhelm Hauff Inhalt: Maerchen als Almanach Die Karawane (Rahmenerzaehlung) Die Geschichte vom Kalif Storch Die Geschichte von dem Gespensterschiff Die Geschichte von der abgehauenen Hand Die Errettung Fatmes Die Geschichte von dem kleinen Muck Das Maerchen vom falschen Prinzen Maerchen als Almanach Wilhelm Hauff In einem schoenen, fernen Reiche, von welchem die Sage lebt, dass die Sonne in seinen ewig gruenen Gaerten niemals untergehe, herrschte von Anfang an bis heute die Koenigin Phantasie. Mit vollen Haenden spendete diese seit vielen Jahrhunderten die Fuelle des Segens ueber die Ihrigen und war geliebt, verehrt von allen, die sie kannten. Das Herz der Koenigin war aber zu gross, als dass sie mit ihren Wohltaten bei ihrem Lande stehen geblieben waere; sie selbst, im koeniglichen Schmuck ihrer ewigen Jugend und Schoenheit, stieg herab auf die Erde; denn sie hatte gehoert, dass dort Menschen wohnen, die ihr Leben in traurigem Ernst, unter Muehe und Arbeit hinbringen. Diesen hatte sie die schoensten Gaben aus ihrem Reiche mitgebracht, und seit die schoene Koenigin durch die Fluren der Erde gegangen war, waren die Menschen froehlich bei der Arbeit, heiter in ihrem Ernst. Auch ihre Kinder,nicht minder schoen und lieblich als die koenigliche Mutter, sandte sie aus, um die Menschen zu begluecken. Einst kam Maerchen, die aelteste Tochter der Koenigin, von der Erde zurueck. Die Mutter bemerkte, dass Maerchen traurig sei, ja, hier und da wollte ihr beduenken, als ob sie verweinte Augen haette. "Was hast du, liebes Maerchen", sprach die Koenigin zu ihr, "du bist seit deiner Reise so traurig und niedergeschlagen, willst du deiner Mutter nicht anvertrauen, was dir fehlt?" "Ach, liebe Mutter", antwortete Maerchen, "ich haette gewiss nicht so lange geschwiegen, wenn ich nicht wuesste, dass mein Kummer auch der deinige ist." "Sprich immer, meine Tochter", bat die schoene Koenigin, "der Gram ist ein Stein, der den einzelnen niederdrueckt, aber zwei tragen ihn leicht aus dem Wege." "Du willst es", antwortete Maerchen, "so hoere: Du weisst, wie gerne ich mit den Menschen umgehe, wie ich freudig auch bei dem Aermsten vor seiner Huette sitze, um nach der Arbeit ein Stuendchen mit ihm zu verplaudern; sie boten mir auch sonst gleich freundlich die Hand zum Gruss, wenn ich kam, und sahen mir laechelnd und zufrieden nach, wenn ich weiterging; aber in diesen Tagen ist es gar nicht mehr so!" "Armes Maerchen!" sprach die Koenigin und streichelte ihr die Wange, die von einer Traene feucht war, "aber du bildest dir vielleicht dies alles nur ein?" "Glaube mir, ich fuehle es nur zu gut", entgegnete Maerchen, "sie lieben mich nicht mehr. Ueberall, wo ich hinkomme, begegnen mir kalte Blicke; nirgends bin ich mehr gern gesehen; selbst die Kinder, die ich doch immer so lieb hatte, lachen ueber mich und wenden mir altklug den Ruecken zu." Die Koenigin stuetzte die Stirne in die Hand und schwieg sinnend. "Und woher soll es denn", fragte die Koenigin, "kommen, Maerchen, dass sich die Leute da unten so geaendert haben?" "Sieh, die Menschen haben kluge Waechter aufgestellt, die alles, was aus deinem Reich kommt, o Koenigin Phantasie, mit scharfem Blicke mustern und pruefen. Wenn nun einer kommt, der nicht nach ihrem Sinne ist, so erheben sie ein grosses Geschrei, schlagen ihn tot oder verleumden ihn doch so sehr bei den Menschen, die ihnen aufs Wort glauben, dass man gar keine Liebe, kein Fuenkchen Zutrauen mehr findet. Ach, wie gut haben es meine Brueder, die Traeume, froehlich und leicht huepfen sie auf die Erde hinab, fragen nichts nach jenen klugen Maennern, besuchen die schlummernden Menschen und weben und malen ihnen, was das Herz beglueckt und das Auge erfreut!" "Deine Brueder sind Leichtfuesse", sagte die Koenigin, "und du, mein Liebling, hast keine Ursache, sie zu beneiden. Jene Grenzwaechter kenne ich uebrigens wohl; die Menschen haben so unrecht nicht, sie aufzustellen; es kam so mancher windige Geselle und tat, als ob er geradewegs aus meinem Reiche kaeme, und doch hatte er hoechstens von einem Berge zu uns heruebergeschaut." "Aber warum lassen sie dies mich, deine eigene Tochter, entgelten", weinte Maerchen. "Ach, wenn du wuesstest, wie sie es mit mir gemacht haben; sie schalten mich eine alte Jungfer und drohten, mich das naechste Mal gar nicht mehr hereinzulassen." "Wie, meine Tochter nicht mehr einzulassen?" rief die Koenigin, und Zorn roetete ihre Wangen. "Aber ich sehe schon, woher dies kommt; die boese Muhme hat uns verleumdet!" "Die Mode? Nicht moeglich!" rief Maerchen, "sie tat ja sonst immer so freundlich." "Oh! Ich kenne sie, die Falsche", antwortete die Koenigin, "aber versuche es ihr zum Trotze wieder, meine Tochter, wer Gutes tun will, darf nicht rasten." "Ach, Mutter! Wenn sie mich dann ganz zurueckweisen, oder wenn sie mich verleumden, dass mich die Menschen nicht ansehen oder einsam und verachtet in der Ecke stehen lassen?" "Wenn die Alten, von der Mode betoert, dich geringschaetzen, so wende dich an die Kleinen, wahrlich, sie sind meine Lieblinge, ihnen sende ich meine lieblichsten Bilder durch deine Brueder, die Traeume, ja, ich bin schon oft selbst zu ihnen hinabgeschwebt, habe sie geherzt und gekuesst und schoene Spiele mit ihnen gespielt; sie kennen mich auch wohl, sie wissen zwar meinen Namen nicht, aber ich habe schon oft bemerkt, wie sie nachts zu meinen Sternen herauflaecheln und morgens, wenn meine glaenzenden Laemmer am Himmel ziehen, vor Freuden die Haende zusammenschlagen. Auch wenn sie groesser werden, lieben sie mich noch, ich helfe dann den lieblichen Maedchen bunte Kraenze flechten, und die wilden Knaben werden stiller, wenn ich auf hoher Felsenspitze mich zu ihnen setze, aus der Nebelwelt der fernen, blauen Berge hohe Burgen und glaenzende Palaeste auftauchen lasse und aus den roetlichen Wolken des Abends kuehne Reiterscharen und wunderliche Wallfahrtszuege bilde." "O die guten Kinder!" rief Maerchen bewegt aus. "Ja, es sei! Mit ihnen will ich es noch einmal versuchen." "Ja, du gute Tochter", sprach die Koenigin, "gehe zu ihnen; aber ich will dich auch ein wenig ordentlich ankleiden, dass du den Kleinen gefaellst und die Grossen dich nicht zurueckstossen; siehe, das Gewand eines Almanachs will ich dir geben." "Eines Almanachs, Mutter? Ach!--Ich schaeme mich, so vor den Leuten zu prangen." Die Koenigin winkte, und die Dienerinnen brachten das zierliche Gewand eines Almanachs. Es war von glaenzenden Farben und schoene Figuren eingewoben. Die Zofen flochten dem schoenen Maedchen das lange Haar; sie banden ihr goldene Sandalen unter die Fuesse und hingen ihr dann das Gewand um. Das bescheidene Maerchen wagte nicht aufzublicken, die Mutter aber betrachtete es mit Wohlgefallen und schloss es in ihre Arme. "Gehe hin", sprach sie zu der Kleinen, "mein Segen sei mit dir. Und wenn sie dich verachten und hoehnen, so kehre zurueck zu mir, vielleicht, dass spaetere Geschlechter, getreuer der Natur, ihr Herz dir wieder zuwenden." Also sprach die Koenigin Phantasie. Maerchen aber stieg hinab auf die Erde. Mit pochendem Herzen nahte sie dem Ort, wo die klugen Waechter hauseten; sie senkte das Koepfchen zur Erde, sie zog das schoene Gewand enger um sich her, und mit zagendem Schritt nahte sie dem Tor. "Halt!" rief eine tiefe, rauhe Stimme. "Wache heraus! Da kommt ein neuer Almanach!" Maerchen zitterte, als sie dies hoerte; viele aeltliche Maenner von finsterem Aussehen stuerzten hervor; sie hatten spitzige Federn in der Faust und hielten sie dem Maerchen entgegen. Einer aus der Schar schritt auf sie zu und packte sie mit rauher Hand am Kinn. "Nur auch den Kopf aufgerichtet, Herr Almanach", schrie er, "dass man Ihm in den Augen ansiehet, ob er was Rechtes ist oder nicht!" Erroetend richtete Maerchen das Koepfchen in die Hoehe und schlug das dunkle Auge auf. "Das Maerchen!" riefen die Waechter und lachten aus vollem Hals, "das Maerchen! Haben wunder gemeint, was da kaeme! Wie kommst du nur in diesen Rock?" "Die Mutter hat ihn mir angezogen", antwortete Maerchen. "So? Sie will dich bei uns einschwaerzen? Nichts da! Hebe dich weg, mach, dass du fortkommst!" riefen die Waechter untereinander und erhoben die scharfen Federn. "Aber ich will ja nur zu den Kindern", bat Maerchen, "dies koennt ihr mir ja doch erlauben." "Laeuft nicht schon genug solches Gesindel im Land umher?" rief einer der Waechter. "Sie schwatzen nur unseren Kindern dummes Zeug vor." "Lasst uns sehen, was sie diesmal weiss!" sprach ein anderer. "Nun ja", riefen sie, "sag an, was du weisst, aber beeile dich, denn wir haben nicht viele Zeit fuer dich!" Maerchen streckte die Hand aus und schrieb mit dem Zeigefinger viele Zeichen in die Luft. Da sah man bunte Gestalten vorueberziehen; Karawanen mit schoenen Rossen, geschmueckte Reiter, viele Zelte im Sand der Wueste; Voegel und Schiffe auf stuermischen Meeren; stille Waelder und volkreiche Plaetze und Strassen; Schlachten und friedliche Nomaden, sie alle schwebten in belebten Bildern, in buntem Gewimmel vorueber. Maerchen hatte in dem Eifer, mit welchem sie die Bilder aufsteigen liess, nicht bemerkt, wie die Waechter des Tores nach und nach eingeschlafen waren. Eben wollte sie neue Zeichen schreiben, als ein freundlicher Mann auf sie zutrat und ihre Hand ergriff. "Siehe her, gutes Maerchen", sagte er, indem er auf die Schlafenden zeigte, "fuer diese sind deine bunten Sachen nichts; schluepfe schnell durch das Tor; sie ahnen dann nicht, dass du im Lande bist, und du kannst friedlich und unbemerkt deine Strasse ziehen. Ich will dich zu meinen Kindern fuehren; in meinem Hause geb' ich dir ein stilles, freundliches Plaetzchen; dort kannst du wohnen und fuer dich leben; wenn dann meine Soehne und Toechter gut gelernt haben, duerfen sie mit ihren Gespielen zu dir kommen und dir zuhoeren. Willst du so?" "Oh, wie gerne folge ich dir zu deinen lieben Kleinen; wie will ich mich befleissen, ihnen zuweilen ein heiteres Stuendchen zu machen!" Der gute Mann nickte ihr freundlich zu und half ihr, ueber die Fuesse der schlafenden Waechter hinueberzusteigen. Laechelnd sah sich Maerchen um, als sie hinueber war, und schluepfte dann schnell in das Tor. Die Karawane Wilhelm Hauff Es zog einmal eine grosse Karawane durch die Wueste. Auf der ungeheuren Ebene, wo man nichts als Sand und Himmel sieht, hoerte man schon in weiter Ferne die Glocken der Kamele und die silbernen Roellchen der Pferde, eine dichte Staubwolke, die ihr vorherging, verkuendete ihre Naehe, und wenn ein Luftzug die Wolke teilte, blendeten funkelnde Waffen und helleuchtende Gewaender das Auge. So stellte sich die Karawane einem Manne dar, welcher von der Seite her auf sie zuritt. Er ritt ein schoenes arabisches Pferd, mit einer Tigerdecke behaengt, an dem hochroten Riemenwerk hingen silberne Gloeckchen, und auf dem Kopf des Pferdes wehte ein schoener Reiherbusch. Der Reiter sah stattlich aus, und sein Anzug entsprach der Pracht seines Rosses; ein weisser Turban, reich mit Gold bestickt, bedeckte das Haupt; der Rock und die weiten Beinkleider waren von brennendem Rot, ein gekruemmtes Schwert mit reichem Griff an seiner Seite. Er hatte den Turban tief ins Gesicht gedrueckt; dies und die schwarzen Augen, die unter buschigen Brauen hervorblitzten, der lange Bart, der unter der gebogenen Nase herabhing, gaben ihm ein wildes, kuehnes Aussehen. Als der Reiter ungefaehr auf fuenfzig Schritt dem Vortrab der Karawane nahe war, spornte er sein Pferd an und war in wenigen Augenblicken an der Spitze des Zuges angelangt. Es war ein so ungewoehnliches Ereignis, einen einzelnen Reiter durch die Wueste ziehen zu sehen, dass die Waechter des Zuges, einen Ueberfall befuerchtend, ihm ihre Lanzen entgegenstreckten. "Was wollt ihr", rief der Reiter, als er sich so kriegerisch empfangen sah, "glaubt ihr, ein einzelner Mann werde eure Karawane angreifen?" Beschaemt schwangen die Waechter ihre Lanzen wieder auf, ihr Anfuehrer aber ritt an den Fremden heran und fragte nach seinem Begehr. "Wer ist der Herr der Karawane?" fragte der Reiter. "Sie gehoert nicht einem Herrn", antwortete der Gefragte, "sondern es sind mehrere Kaufleute, die von Mekka in ihre Heimat ziehen und die wir durch die Wueste geleiten, weil oft allerlei Gesindel die Reisenden beunruhigt." "So fuehrt mich zu den Kaufleuten", begehrte der Fremde. "Das kann jetzt nicht geschehen", antwortete der Fuehrer, "weil wir ohne Aufenthalt weiterziehen muessen und die Kaufleute wenigstens eine Viertelstunde weiter hinten sind; wollt Ihr aber mit mir weiterreiten, bis wir lagern, um Mittagsruhe zu halten, so werde ich Eurem Wunsch willfahren." Der Fremde sagte hierauf nichts; er zog eine lange Pfeife, die er am Sattel festgebunden hatte, hervor und fing an in grossen Zuegen zu rauchen, indem er neben dem Anfuehrer des Vortrabs weiterritt. Dieser wusste nicht, was er aus dem Fremden machen sollte; er wagte es nicht, ihn geradezu nach seinem Namen zu fragen, und so kuenstlich er auch ein Gespraech anzuknuepfen suchte, der Fremde hatte auf das: "Ihr raucht da einen guten Tabak", oder: "Euer Rapp' hat einen braven Schritt", immer nur mit einem kurzen "Ja, ja!" geantwortet. Endlich waren sie auf dem Platz angekommen, wo man Mittagsruhe halten wollte. Der Anfuehrer hatte seine Leute als Wachen aufgestellt; er selbst hielt mit dem Fremden, um die Karawane herankommen zu lassen. Dreissig Kamele, schwer beladen, zogen vorueber, von bewaffneten Fuehrern geleitet. Nach diesen kamen auf schoenen Pferden die fuenf Kaufleute, denen die Karawane gehoerte. Es waren meistens Maenner von vorgeruecktem Alter, ernst und gesetzt aussehend, nur einer schien viel juenger als die uebrigen, wie auch froher und lebhafter. Eine grosse Anzahl Kamele und Packpferde schloss den Zug. Man hatte Zelte aufgeschlagen und die Kamele und Pferde rings umhergestellt. In der Mitte war ein grosses Zelt von blauem Seidenzeug. Dorthin fuehrte der Anfuehrer der Wache den Fremden. Als sie durch den Vorhang des Zeltes getreten waren, sahen sie die fuenf Kaufleute auf goldgewirkten Polstern sitzen; schwarze Sklaven reichten ihnen Speise und Getraenke. "Wen bringt Ihr uns da?" rief der junge Kaufmann dem Fuehrer zu. Ehe noch der Fuehrer antworten konnte, sprach der Fremde: "Ich heisse Selim Baruch und bin aus Bagdad; ich wurde auf einer Reise nach Mekka von einer Raeuberhorde gefangen und habe mich vor drei Tagen heimlich aus der Gefangenschaft befreit. Der grosse Prophet liess mich die Glocken eurer Karawane in weiter Ferne hoeren, und so kam ich bei euch an. Erlaubet mir, dass ich in eurer Gesellschaft reise! Ihr werdet euren Schutz keinem Unwuerdigen schenken, und so ihr nach Bagdad kommet, werde ich eure Guete reichlich belohnen denn ich bin der Neffe des Grosswesirs." Der aelteste der Kaufleute nahm das Wort: "Selim Baruch", sprach er, "sei willkommen in unserem Schatten. Es macht uns Freude, dir beizustehen; vor allem aber setze dich und iss und trinke mit uns." Selim Baruch setzte sich zu den Kaufleuten und ass und trank mit ihnen. Nach dem Essen raeumten die Sklaven die Geschirre hinweg und brachten lange Pfeifen und tuerkischen Sorbet. Die Kaufleute sassen lange schweigend, indem sie die blaeulichen Rauchwolken vor sich hinbliesen und zusahen, wie sie sich ringelten und verzogen und endlich in die Luft verschwebten. Der junge Kaufmann brach endlich das Stillschweigen: "So sitzen wir seit drei Tagen", sprach er, "zu Pferd und am Tisch, ohne uns durch etwas die Zeit zu vertreiben. Ich verspuere gewaltig Langeweile, denn ich bin gewohnt, nach Tisch Taenzer zu sehen oder Gesang und Musik zu hoeren. Wisst ihr gar nichts, meine Freunde, das uns die Zeit vertreibt?" Die vier aelteren Kaufleute rauchten fort und schienen ernsthaft nachzusinnen, der Fremde aber sprach: "Wenn es mir erlaubt ist, will ich euch einen Vorschlag machen. Ich meine, auf jedem Lagerplatz koennte einer von uns den anderen etwas erzaehlen. Dies koennte uns schon die Zeit vertreiben." "Selim Baruch, du hast wahr gesprochen", sagte Achmet, der aelteste der Kaufleute, "lasst uns den Vorschlag annehmen." "Es freut mich, wenn euch der Vorschlag behagt", sprach Selim, "damit ihr aber sehet, dass ich nichts Unbilliges verlange, so will ich den Anfang machen." Vergnuegt rueckten die fuenf Kaufleute naeher zusammen und liessen den Fremden in ihrer Mitte sitzen. Die Sklaven schenkten die Becher wieder voll, stopften die Pfeifen ihrer Herren frisch und brachten gluehende Kohlen zum Anzuenden. Selim aber erfrischte seine Stimme mit einem tuechtigen Zuge Sorbet, strich den langen Bart ueber dem Mund weg und sprach: "So hoert denn die Geschichte vom Kalif Storch." Als Selim Baruch seine Geschichte beendet hatte, bezeugten sich die Kaufleute sehr zufrieden damit. "Wahrhaftig, der Nachmittag ist uns vergangen, ohne dass wir merkten wie!" sagte einer derselben, indem er die Decke des Zeltes zurueckschlug. "Der Abendwind wehet kuehl, und wir koennten noch eine gute Strecke Weges zuruecklegen." Seine Gefaehrten waren damit einverstanden, die Zelte wurden abgebrochen, und die Karawane machte sich in der naemlichen Ordnung, in welcher sie herangezogen war, auf den Weg. Sie ritten beinahe die ganze Nacht hindurch, denn es war schwuel am Tage, die Nacht aber war erquicklich und sternhell. Sie kamen endlich an einem bequemen Lagerplatz an, schlugen die Zelte auf und legten sich zur Ruhe. Fuer den Fremden aber sorgten die Kaufleute, wie wenn er ihr wertester Gastfreund waere. Der eine gab ihm Polster, der andere Decken, ein dritter gab ihm Sklaven, kurz, er wurde so gut bedient, als ob er zu Hause waere. Die heisseren Stunden des Tages waren schon heraufgekommen, als sie sich wieder erhoben, und sie beschlossen einmuetig, hier den Abend abzuwarten. Nachdem sie miteinander gespeist hatten, rueckten sie wieder naeher zusammen, und der junge Kaufmann wandte sich an den aeltesten und sprach: "Selim Baruch hat uns gestern einen vergnuegten Nachmittag bereitet, wie waere es, Achmet, wenn Ihr uns auch etwas erzaehltet, sei es nun aus Eurem langen Leben, das wohl viele Abenteuer aufzuweisen hat, oder sei es auch ein huebsches Maerchen." Achmet schwieg auf diese Anrede eine Zeitlang, wie wenn er bei sich im Zweifel waere, ob er dies oder jenes sagen sollte oder nicht; endlich fing er an zu sprechen: "Liebe Freunde! Ihr habt euch auf dieser unserer Reise als treue Gesellen erprobt, und auch Selim verdient mein Vertrauen; daher will ich euch etwas aus meinem Leben mitteilen, das ich sonst ungern und nicht jedem erzaehle: die Geschichte von dem Gespensterschiff." Die Reise der Karawane war den anderen Tag ohne Hindernis fuerder gegangen, und als man im Lagerplatz sich erholt hatte, begann Selim, der Fremde, zu Muley, dem juengsten der Kaufleute, also zu sprechen: "Ihr seid zwar der Juengste von uns, doch seid Ihr immer froehlich und wisst fuer uns gewiss irgendeinen guten Schwank. Tischet ihn auf, dass er uns erquicke nach der Hitze des Tages!" "Wohl moechte ich euch etwas erzaehlen", antwortete Muley, "das euch Spass machen koennte, doch der Jugend ziemt Bescheidenheit in allen Dingen; darum muessen meine aelteren Reisegefaehrten den Vorrang haben. Zaleukos ist immer so ernst und verschlossen, sollte er uns nicht erzaehlen, was sein Leben so ernst machte? Vielleicht, dass wir seinen Kummer, wenn er solchen hat, lindern koennen; denn gerne dienen wir dem Bruder, wenn er auch anderen Glaubens ist." Der Aufgerufene war ein griechischer Kaufmann, ein Mann in mittleren Jahren, schoen und kraeftig, aber sehr ernst. Ob er gleich ein Unglaeubiger (nicht Muselmann) war, so liebten ihn doch seine Reisegefaehrten, denn er hatte durch sein ganzes Wesen Achtung und Zutrauen eingefloesst. Er hatte uebrigens nur eine Hand, und einige seiner Gefaehrten vermuteten, dass vielleicht dieser Verlust ihn so ernst stimme. Zaleukos antwortete auf die zutrauliche Frage Muleys: "Ich bin sehr geehrt durch euer Zutrauen; Kummer habe ich keinen, wenigstens keinen, von welchem ihr auch mit dem besten Willen mir helfen koenntet. Doch weil Muley mir meinen Ernst vorzuwerfen scheint, so will ich euch einiges erzaehlen, was mich rechtfertigen soll, wenn ich ernster bin als andere Leute. Ihr sehet, dass ich meine linke Hand verloren habe. Sie fehlt mir nicht von Geburt an, sondern ich habe sie in den schrecklichsten Tagen meines Lebens eingebuesst. Ob ich die Schuld davon trage, ob ich unrecht habe, seit jenen Tagen ernster, als es meine Lage mit sich bringt, zu sein, moeget ihr beurteilen, wenn ihr vernommen habt die Geschichte von der abgehauenen Hand." Zaleukos, der griechische Kaufmann, hatte seine Geschichte geendigt. Mit grosser Teilnahme hatten ihm die uebrigen zugehoert, besonders der Fremde schien sehr davon ergriffen zu sein; er hatte einigemal tief geseufzt, und Muley schien es sogar, als habe er einmal Traenen in den Augen gehabt. Sie besprachen sich noch lange Zeit ueber diese Geschichte. "Und hasst Ihr den Unbekannten nicht, der Euch so schnoed' um ein so edles Glied Eures Koerpers, der selbst Euer Leben in Gefahr brachte?" fragte der Fremde. "Wohl gab es in frueherer Zeit Stunden", antwortete der Grieche, "in denen mein Herz ihn vor Gott angeklagt, dass er diesen Kummer ueber mich gebracht und mein Leben vergiftet habe; aber ich fand Trost in dem Glauben meiner Vaeter, und dieser befiehlt mir, meine Feinde zu lieben; auch ist er wohl noch ungluecklicher als ich." "Ihr seid ein edler Mann!" rief der Fremde und drueckte geruehrt dem Griechen die Hand. Der Anfuehrer der Wache unterbrach sie aber in ihrem Gespraech. Er trat mit besorgter Miene in das Zelt und berichtete, dass man sich nicht der Ruhe ueberlassen duerfe; denn hier sei die Stelle, wo gewoehnlich die Karawanen angegriffen wuerden, auch glaubten seine Wachen, in der Entfernung mehrere Reiter zu sehen. Die Kaufleute waren sehr bestuerzt ueber diese Nachricht; Selim, der Fremde, aber wunderte sich ueber ihre Bestuerzung und meinte, dass sie so gut geschaetzt waeren, dass sie einen Trupp raeuberischer Araber nicht zu fuerchten brauchten. "Ja, Herr!" entgegnete ihm der Anfuehrer der Wache. "Wenn es nur solches Gesindel waere, koennte man sich ohne Sorge zur Ruhe legen; aber seit einiger Zeit zeigt sich der furchtbare Orbasan wieder, und da gilt es, auf seiner Hut zu sein." Der Fremde fragte, wer denn dieser Orbasan sei, und Achmet, der alte Kaufmann, antwortete ihm: "Es gehen allerlei Sagen unter dem Volke ueber diesen wunderbaren Mann. Die einen halten ihn fuer ein uebermenschliches Wesen, weil er oft mit fuenf bis sechs Maennern zumal einen Kampf besteht, andere halten ihn fuer einen tapferen Franken, den das Unglueck in diese Gegend verschlagen habe; von allem aber ist nur so viel gewiss, dass er ein verruchter Moerder und Dieb ist." "Das koennt Ihr aber doch nicht behaupten", entgegnete ihm Lezah, einer der Kaufleute. "Wenn er auch ein Raeuber ist, so ist er doch ein edler Mann, und als solcher hat er sich an meinem Bruder bewiesen, wie ich Euch erzaehlen koennte. Er hat seinen ganzen Stamm zu geordneten Menschen gemacht, und so lange er die Wueste durchstreift, darf kein anderer Stamm es wagen, sich sehen zu lassen. Auch raubt er nicht wie andere, sondern er erhebt nur ein Schutzgeld von den Karawanen, und wer ihm dieses willig bezahlt, der ziehet ungefaehrdet weiter; denn Orbasan ist der Herr der Wueste." Also sprachen unter sich die Reisenden im Zelte; die Wachen aber, die um den Lagerplatz ausgestellt waren, begannen unruhig zu werden. Ein ziemlich bedeutender Haufe bewaffneter Reiter zeigte sich in der Entfernung einer halben Stunde; sie schienen gerade auf das Lager zuzureiten. Einer der Maenner von der Wache ging daher in das Zelt, um zu verkuenden, dass sie wahrscheinlich angegriffen wuerden. Die Kaufleute berieten sich untereinander, was zu tun sei, ob man ihnen entgegengehen oder den Angriff abwarten solle. Achmet und die zwei aelteren Kaufleute wollten das letztere, der feurige Muley aber und Zaleukos verlangten das erstere und riefen den Fremden zu ihrem Beistand auf. Dieser zog ruhig ein kleines, blaues Tuch mit roten Sternen aus seinem Guertel hervor, band es an eine Lanze und befahl einem der Sklaven, es auf das Zelt zu stecken; er setze sein Leben zum Pfand, sagte er, die Reiter werden, wenn sie dieses Zeichen sehen, ruhig vorueberziehen. Muley glaubte nicht an den Erfolg, der Sklave aber steckte die Lanze auf das Zelt. Inzwischen hatten alle, die im Lager waren, zu den Waffen gegriffen und sahen in gespannter Erwartung den Reitern entgegen. Doch diese schienen das Zeichen auf dem Zelte erblickt zu haben, sie wichen ploetzlich von ihrer Richtung auf das Lager ab und zogen in einem grossen Bogen auf der Seite hin. Verwundert standen einige Augenblicke die Reisenden und sahen bald auf die Reiter, bald auf den Fremden. Dieser stand ganz gleichgueltig, wie wenn nichts vorgefallen waere, vor dem Zelte und blickte ueber die Ebene hin. Endlich brach Muley das Stillschweigen. "Wer bist du, maechtiger Fremdling", rief er aus, "der du die wilden Horden der Wueste durch einen Wink bezaehmst?" "Ihr schlagt meine Kunst hoeher an, als sie ist", antwortete Selim Baruch. "Ich habe mich mit diesem Zeichen versehen, als ich der Gefangenschaft entfloh; was es zu bedeuten hat, weiss ich selbst nicht; nur so viel weiss ich, dass, wer mit diesem Zeichen reiset, unter maechtigem Schutze steht." Die Kaufleute dankten dem Fremden und nannten ihn ihren Erretter. Wirklich war auch die Anzahl der Reiter so gross gewesen, dass wohl die Karawane nicht lange haette Widerstand leisten koennen. Mit leichterem Herzen begab man sich jetzt zur Ruhe, und als die Sonne zu sinken begann und der Abendwind ueber die Sandebene hinstrich, brachen sie auf und zogen weiter. Am naechsten Tage lagerten sie ungefaehr nur noch eine Tagreise von dem Ausgang der Wueste entfernt. Als sich die Reisenden wieder in dem grossen Zelt versammelt hatten, nahm Lezah, der Kaufmann, das Wort: "Ich habe euch gestern gesagt, dass der gefuerchtete Orbasan ein edler Mann sei, erlaubt mir, dass ich es euch heute durch die Erzaehlung der Schicksale meines Bruders beweise. Mein Vater war Kadi in Akara. Er hatte drei Kinder. Ich war der Aelteste, ein Bruder und eine Schwester waren bei weitem juenger als ich. Als ich zwanzig Jahre alt war, rief mich ein Bruder meines Vaters zu sich. Er setzte mich zum Erben seiner Gueter ein, mit der Bedingung, dass ich bis zu seinem Tode bei ihm bleibe. Aber er erreichte ein hohes Alter, so dass ich erst vor zwei Jahren in meine Heimat zurueckkehrte und nichts davon wusste, welch schreckliches Schicksal indes mein Haus betroffen und wie guetig Allah es gewendet hatte." Die Errettung Fatmes Die Karawane hatte das Ende der Wueste erreicht, und froehlich begruessten die Reisenden die gruenen Matten und die dichtbelaubten Baeume, deren lieblichen Anblick sie viele Tage entbehrt hatten. In einem schoenen Tale lag eine Karawanserei, die sie sich zum Nachtlager waehlten, und obgleich sie wenig Bequemlichkeit und Erfrischung darbot, so war doch die ganze Gesellschaft heiterer und zutraulicher als je; denn der Gedanke, den Gefahren und Beschwerlichkeiten, die eine Reise durch die Wueste mit sich bringt, entronnen zu sein, hatte alle Herzen geoeffnet und die Gemueter zu Scherz und Kurzweil gestimmt. Muley, der junge lustige Kaufmann, tanzte einen komischen Tanz und sang Lieder dazu, die selbst dem ernsten Griechen Zaleukos ein Laecheln entlockten. Aber nicht genug, dass er seine Gefaehrten durch Tanz und Spiel erheitert hatte, er gab ihnen auch noch die Geschichte zum besten, die er ihnen versprochen hatte, und hub, als er von seinen Luftspruengen sich erholt hatte, also zu erzaehlen an: Die Geschichte von dem kleinen Muck. "So erzaehlte mir mein Vater; ich bezeugte ihm meine Reue ueber mein rohes Betragen gegen den guten kleinen Mann, und mein Vater schenkte mir die andere Haelfte der Strafe, die er mir zugedacht hatte. Ich erzaehlte meinen Kameraden die wunderbaren Schicksale des Kleinen, und wir gewannen ihn so lieb, dass ihn keiner mehr schimpfte. Im Gegenteil, wir ehrten ihn, solange er lebte, und haben uns vor ihm immer so tief wie vor Kadi und Mufti gebueckt." Die Reisenden beschlossen, einen Rasttag in dieser Karawanserei zu machen, um sich und die Tiere zur weiteren Reise zu staerken. Die gestrige Froehlichkeit ging auch auf diesen Tag ueber, und sie ergoetzten sich in allerlei Spielen. Nach dem Essen aber riefen sie dem fuenften Kaufmann, Ali Sizah, zu, auch seine Schuldigkeit gleich den uebrigen zu tun und eine Geschichte zu erzaehlen. Er antwortete, sein Leben sei zu arm an auffallenden Begebenheiten, als dass er ihnen etwas davon mitteilen moechte, daher wolle er ihnen etwas anderes erzaehlen, naemlich: Das Maerchen vom falschen Prinzen. Mit Sonnenaufgang brach die Karawane auf und gelangte bald nach Birket el Had oder dem Pilgrimsbrunnen, von wo es nur noch drei Stunden Weges nach Kairo waren--Man hatte um diese Zeit die Karawane erwartet, und bald hatten die Kaufleute die Freude, ihre Freunde aus Kairo ihnen entgegenkommen zu sehen. Sie zogen in die Stadt durch das Tor Bebel Falch; denn es wird fuer eine glueckliche Vorbedeutung gehalten, wenn man von Mekka kommt, durch dieses Tor einzuziehen, weil der Prophet hindurchgezogen ist. Auf dem Markt verabschiedeten sich die vier tuerkischen Kaufleute von dem Fremden und dem griechischen Kaufmann Zaleukos und gingen mit ihren Freunden nach Haus. Zaleukos aber zeigte dem Fremden eine gute Karawanserei und lud ihn ein, mit ihm das Mittagsmahl zu nehmen. Der Fremde sagte zu und versprach, wenn er nur vorher sich umgekleidet habe, zu erscheinen. Der Grieche hatte alle Anstalten getroffen, den Fremden, welchen er auf der Reise liebgewonnen hatte, gut zu bewirten, und als die Speisen und Getraenke in gehoeriger Ordnung aufgestellt waren, setzte er sich, seinen Gast zu erwarten. Langsam und schweren Schrittes hoerte er ihn den Gang, der zu seinem Gemach fuehrte, heraufkommen. Er erhob sich, um ihm freundlich entgegenzusehen und ihn an der Schwelle zu bewillkommnen; aber voll Entsetzen fuhr er zurueck, als er die Tuere oeffnete; denn jener schreckliche Rotmantel trat ihm entgegen; er warf noch einen Blick auf ihn, es war keine Taeuschung; dieselbe hohe, gebietende Gestalt, die Larve, aus welcher ihn die dunklen Augen anblitzten, der rote Mantel mit der goldenen Stickerei waren ihm nur allzuwohl bekannt aus den schrecklichsten Stunden seines Lebens. Widerstreitende Gefuehle wogten in Zaleukos Brust; er hatte sich mit diesem Bild seiner Erinnerung laengst ausgesoehnt und ihm vergeben, und doch riss sein Anblick alle seine Wunden wieder auf; alle jene qualvollen Stunden der Todesangst, jener Gram, der die Bluete seines Lebens vergiftete, zogen im Flug eines Augenblicks an seiner Seele vorueber. "Was willst du, Schrecklicher?" rief der Grieche aus, als die Erscheinung noch immer regungslos auf der Schwelle stand. "Weiche schnell von hinnen, dass ich dir nicht fluche!" "Zaleukos!" sprach eine bekannte Stimme unter der Larve hervor. "Zaleukos! So empfaengst du deinen Gastfreund?" Der Sprechende nahm die Larve ab, schlug den Mantel zurueck; es war Selim Baruch, der Fremde. Aber Zaleukos schien noch nicht beruhigt, ihm graute vor dem Fremden; denn nur zu deutlich hatte er in ihm den Unbekannten von der Ponte vecchio erkannt; aber die alte Gewohnheit der Gastfreundschaft siegte; er winkte schweigend dem Fremden, sich zu ihm ans Mahl zu setzen. "Ich errate deine Gedanken", nahm dieser das Wort, als sie sich gesetzt hatten. "Deine Augen sehen fragend auf mich--ich haette schweigen und mich deinen Blicken nie mehr zeigen koennen, aber ich bin dir Rechenschaft schuldig, und darum wagte ich es auch, auf die Gefahr hin, dass du mir fluchtest, vor dir in meiner alten Gestalt zu erscheinen. Du sagtest einst zu mir: Der Glaube meiner Vaeter befiehlt mir, ihn zu lieben, auch ist er wohl ungluecklicher als ich; glaube dieses, mein Freund, und hoere meine Rechtfertigung! Ich muss weit ausholen, um mich dir ganz verstaendlich zu machen. Ich bin in Alessandria von christlichen Eltern geboren. Mein Vater, der juengere Sohn eines alten, beruehmten franzoesischen Hauses, war Konsul seines Landes in Alessandria. Ich wurde von meinem zehnten Jahre an in Frankreich bei einem Bruder meiner Mutter erzogen und verliess erst einige Jahre nach dem Ausbruch der Revolution mein Vaterland, um mit meinem Oheim, der in dem Lande seiner Ahnen nicht mehr sicher war, ueber dem Meer bei meinen Eltern eine Zuflucht zu suchen. Voll Hoffnung, die Ruhe und den Frieden, den uns das empoerte Volk der Franzosen entrissen, im elterlichen Hause wiederzufinden, landeten wir. Aber ach! Ich fand nicht alles in meines Vaters Hause, wie es sein sollte; die aeusseren Stuerme der bewegten Zeit waren zwar noch nicht bis hierher gelangt, desto unerwarteter hatte das Unglueck mein Haus im innersten Herzen heimgesucht. Mein Bruder, ein junger, hoffnungsvoller Mann, erster Sekretaer meines Vaters, hatte sich erst seit kurzem mit einem jungen Maedchen, der Tochter eines florentinischen Edelmanns, der in unserer Nachbarschaft wohnte, verheiratet; zwei Tage vor unserer Ankunft war diese auf einmal verschwunden, ohne dass weder unsere Familie noch ihr Vater die geringste Spur von ihr auffinden konnten. Man glaubte endlich, sie habe sich auf einem Spaziergang zu weit gewagt und sei in Raeuberhaende gefallen. Beinahe troestlicher waere dieser Gedanke fuer meinen armen Bruder gewesen als die Wahrheit, die uns nur bald kund wurde. Die Treulose hatte sich mit einem jungen Neapolitaner, den sie im Hause ihres Vaters kennengelernt hatte, eingeschifft. Mein Bruder, aufs aeusserste empoert ueber diesen Schritt, bot alles auf, die Schuldige zur Strafe zu ziehen; doch vergebens; seine Versuche, die in Neapel und Florenz Aufsehen erregt hatten, dienten nur dazu, sein und unser aller Unglueck zu vollenden. Der florentinische Edelmann reiste in sein Vaterland zurueck, zwar mit dem Vorgeben, meinem Bruder Recht zu verschaffen, der Tat nach aber, um uns zu verderben. Er schlug in Florenz alle jene Untersuchungen, welche mein Bruder angeknuepft hatte, nieder und wusste seinen Einfluss, den er auf alle Art sich verschafft hatte, so gut zu benuetzen, dass mein Vater und mein Bruder ihrer Regierung verdaechtig gemacht und durch die schaendlichsten Mittel gefangen, nach Frankreich gefuehrt und dort vom Beil des Henkers getoetet wurden. Meine arme Mutter verfiel in Wahnsinn, und erst nach zehn langen Monaten erloeste sie der Tod von ihrem schrecklichen Zustand, der aber in den letzten Tagen zu vollem, klarem Bewusstsein geworden war. So stand ich jetzt ganz allein in der Welt, aber nur ein Gedanke beschaeftigte meine Seele, nur ein Gedanke liess mich meine Trauer vergessen, es war jene maechtige Flamme, die meine Mutter in ihrer letzten Stunde in mir angefacht hatte. In den letzten Stunden war, wie ich dir sagte, ihr Bewusstsein zurueckgekehrt; sie liess mich rufen und sprach mit Ruhe von unserem Schicksal und ihrem Ende. Dann aber liess sie alle aus dem Zimmer gehen, richtete sich mit feierlicher Miene von ihrem aermlichen Lager auf und sagte, ich koenne mir ihren Segen erwerben, wenn ich ihr schwoere, etwas auszufuehren, das sie mir auftragen wuerde--Ergriffen von den Worten der sterbenden Mutter, gelobte ich mit einem Eide zu tun, wie sie mir sagen werde. Sie brach nun in Verwuenschungen gegen den Florentiner und seine Tochter aus und legte mir mit den fuerchterlichsten Drohungen ihres Fluches auf, mein unglueckliches Haus an ihm zu raechen. Sie starb in meinen Armen. Jener Gedanke der Rache hatte schon lange in meiner Seele geschlummert; jetzt erwachte er mit aller Macht. Ich sammelte den Rest meines vaeterlichen Vermoegens und schwor mir, alles an meine Rache zu setzen oder selbst mit unterzugehen. Bald war ich in Florenz, wo ich mich so geheim als moeglich aufhielt; mein Plan war um vieles erschwert worden durch die Lage, in welcher sich meine Feinde befanden. Der alte Florentiner war Gouverneur geworden und hatte so alle Mittel in der Hand, sobald er das geringste ahnte, mich zu verderben. Ein Zufall kam mir zu Hilfe. Eines Abends sah ich einen Menschen in bekannter Livree durch die Strassen gehen; sein unsicherer Gang, sein finsterer Blick und das halblaut herausgestossene "Santo sacramento", "Maledetto diavolo" liessen mich den alten Pietro, einen Diener des Florentiners, den ich schon in Alessandria gekannt hatte, erkennen. Ich war nicht in Zweifel, dass er ueber seinen Herrn in Zorn geraten sei, und beschloss, seine Stimmung zu benuetzen. Er schien sehr ueberrascht, mich hier zu sehen, klagte mir sein Leiden, dass er seinem Herrn, seit er Gouverneur geworden, nichts mehr recht machen koenne, und mein Gold, unterstuetzt von seinem Zorn, brachte ihn bald auf meine Seite. Das Schwierigste war jetzt beseitigt; ich hatte einen Mann in meinem Solde, der mir zu jeder Stunde die Tuere meines Feindes oeffnete, und nun reifte mein Racheplan immer schneller heran. Das Leben des alten Florentiners schien mir ein zu geringes Gewicht, dem Untergang meines Hauses gegenueber, zu haben. Sein Liebstes musste er gemordet sehen, und dies war Bianka, seine Tochter. Hatte ja sie so schaendlich an meinem Bruder gefrevelt, war ja doch sie die Ursache unseres Ungluecks. Gar erwuenscht kam sogar meinem racheduerstigen Herzen die Nachricht, dass in dieser Zeit Bianka zum zweitenmal sich vermaehlen wollte, es war beschlossen, sie musste sterben. Aber mir selbst graute vor der Tat, und auch Pietro traute sich zu wenig Kraft zu; darum spaehten wir umher nach einem Mann, der das Geschaeft vollbringen koenne. Unter den Florentinern wagte ich keinen zu dingen, denn gegen den Gouverneur wuerde keiner etwas Solches unternommen haben. Da fiel Pietro der Plan ein, den ich nachher ausgefuehrt habe; zugleich schlug er dich als Fremden und Arzt als den Tauglichsten vor. Den Verlauf der Sache weisst du. Nur an deiner grossen Vorsicht und Ehrlichkeit schien mein Unternehmen zu scheitern. Daher der Zufall mit dem Mantel. Pietro oeffnete uns das Pfoertchen an dem Palast des Gouverneurs; er haette uns auch ebenso heimlich wieder hinausgeleitet, wenn wir nicht, durch den schrecklichen Anblick, der sich uns durch die Tuerspalte darbot, erschreckt, entflohen waeren. Von Schrecken und Reue gejagt, war ich ueber zweihundert Schritte fortgerannt, bis ich auf den Stufen einer Kirche niedersank. Dort erst sammelte ich mich wieder, und mein erster Gedanke warst du und dein schreckliches Schicksal, wenn man dich in dem Hause faende. Ich schlich an den Palast, aber weder von Pietro noch von dir konnte ich eine Spur entdecken; das Pfoertchen aber war offen, so konnte ich wenigstens hoffen, dass du die Gelegenheit zur Flucht benuetzt haben koenntest. Als aber der Tag anbrach, liess mich die Angst vor der Entdeckung und ein unabweisbares Gefuehl von Reue nicht mehr in den Mauern von Florenz. Ich eilte nach Rom. Aber denke dir meine Bestuerzung, als man dort nach einigen Tagen ueberall diese Geschichte erzaehlte mit dem Beisatz, man habe den Moerder, einen griechischen Arzt, gefangen. Ich kehrte in banger Besorgnis nach Florenz zurueck; denn schien mir meine Rache schon vorher zu stark, so verfluchte ich sie jetzt, denn sie war mir durch dein Leben allzu teuer erkauft. Ich kam an demselben Tage an, der dich der Hand beraubte. Ich schweige von dem, was ich fuehlte, als ich dich das Schafott besteigen und so heldenmuetig leiden sah. Aber damals, als dein Blut in Stroemen aufspritzte, war der Entschluss fest in mir, dir deine uebrigen Lebenstage zu versuessen. Was weiter geschehen ist, weisst du, nur das bleibt mir noch zu sagen uebrig, warum ich diese Reise mit dir machte. Als eine schwere Last drueckte mich der Gedanke, dass du mir noch immer nicht vergeben habest; darum entschloss ich mich, viele Tage mit dir zu leben und dir endlich Rechenschaft abzulegen von dem, was ich mit dir getan." Schweigend hatte der Grieche seinen Gast angehoert; mit sanftem Blick bot er ihm, als er geendet hatte, seine Rechte. "Ich wusste wohl, dass du ungluecklicher sein muesstest als ich, denn jene grausame Tat wird wie eine dunkle Wolke ewig deine Tage verfinstern; ich vergebe dir von Herzen. Aber erlaube mir noch eine Frage: Wie kommst du unter dieser Gestalt in die Wueste? Was fingst du an, nachdem du in Konstantinopel mir das Haus gekauft hattest?" "Ich ging nach Alessandria zurueck", antwortete der Gefragte. "Hass gegen alle Menschen tobte in meiner Brust, brennender Hass besonders gegen jene Nationen, die man die gebildeten nennt. Glaube mir, unter meinen Moslemiten war mir wohler! Kaum war ich einige Monate in Alessandria, als jene Landung meiner Landsleute erfolgte. Ich sah in ihnen nur die Henker meines Vaters und meines Bruders; darum sammelte ich einige gleichgesinnte junge Leute meiner Bekanntschaft und schloss mich jenen tapferen Mamelucken an, die so oft der Schrecken des franzoesischen Heeres wurden. Als der Feldzug beendigt war, konnte ich mich nicht entschliessen, zu den Kuensten des Friedens zurueckzukehren. Ich lebte mit einer kleinen Anzahl gleichdenkender Freunde ein unstetes und fluechtiges, dem Kampf und der Jagd geweihtes Leben; ich lebe zufrieden unter diesen Leuten, die mich wie ihren Fuersten ehren; denn wenn meine Asiaten auch nicht so gebildet sind wie Eure Europaeer, so sind sie doch weit entfernt von Neid und Verleumdung, von Selbstsucht und Ehrgeiz." Zaleukos dankte dem Fremden fuer seine Mitteilung, aber er verbarg ihm nicht, dass er es fuer seinen Stand, fuer seine Bildung angemessener faende, wenn er in christlichen, in europaeischen Laendern leben und wirken wuerde. Er fasste seine Hand und bat ihn, mit ihm zu ziehen, bei ihm zu leben und zu sterben. Geruehrt sah ihn der Gastfreund an. "Daraus erkenne ich", sagte er, "dass du mir ganz vergeben hast, dass du mich liebst. Nimm meinen innigsten Dank dafuer!" Er sprang auf und stand in seiner ganzen Groesse vor dem Griechen, dem vor dem kriegerischen Anstand, den dunkel blitzenden Augen, der tiefen Stimme seines Gastes beinahe graute. "Dein Vorschlag ist schoen", sprach jener weiter, "er moechte fuer jeden andern lockend sein--ich kann ihn nicht benuetzen. Schon steht mein Ross gesattelt, erwarten mich meine Diener; lebe wohl, Zaleukos!" Die Freunde, die das Schicksal so wunderbar zusammengefuehrt, umarmten sich zum Abschied. "Und wie nenne ich dich? Wie heisst mein Gastfreund, der auf ewig in meinem Gedaechtnis leben wird?" fragte der Grieche. Der Fremde sah ihn lange an, drueckte ihm noch einmal die Hand und sprach: "Man nennt mich den Herrn der Wueste; ich bin der Raeuber Orbasan." Kalif Storch Wilhelm Hauff Der Kalif Chasid zu Bagdad sass einmal an einem schoenen Nachmittag behaglich auf seinem Sofa; er hatte ein wenig geschlafen, denn es war ein heisser Tag, und sah nun nach seinem Schlaefchen recht heiter aus. Er rauchte aus einer langen Pfeife von Rosenholz, trank hier und da ein wenig Kaffee, den ihm ein Sklave einschenkte, und strich sich allemal vergnuegt den Bart, wenn es ihm geschmeckt hatte. Kurz, man sah dem Kalifen an, dass es ihm recht wohl war. Um diese Stunde konnte man gar gut mit ihm reden, weil er da immer recht mild und leutselig war, deswegen besuchte ihn auch sein Grosswesir Mansor alle Tage um diese Zeit. An diesem Nachmittage nun kam er auch, sah aber sehr nachdenklich aus, ganz gegen seine Gewohnheit. Der Kalif tat die Pfeife ein wenig aus dem Mund und sprach: "Warum machst du ein so nachdenkliches Gesicht, Grosswesir?" Der Grosswesir schlug seine Arme kreuzweis ueber die Brust, verneigte sich vor seinem Herrn und antwortete: "Herr, ob ich ein nachdenkliches Gesicht mache, weiss ich nicht, aber da drunten am Schloss steht ein Kraemer, der hat so schoene Sachen, dass es mich aergert, nicht viel ueberfluessiges Geld zu haben." Der Kalif, der seinem Grosswesir schon lange gerne eine Freude gemacht haette, schickte seinen schwarzen Sklaven hinunter, um den Kraemer heraufzuholen. Bald kam der Sklave mit dem Kraemer zurueck. Dieser war ein kleiner, dicker Mann, schwarzbraun im Gesicht und in zerlumptem Anzug. Er trug einen Kasten, in welchem er allerhand Waren hatte, Perlen und Ringe, reichbeschlagene Pistolen, Becher und Kaemme. Der Kalif und sein Wesir musterten alles durch, und der Kalif kaufte endlich fuer sich und Mansor schoene Pistolen, fuer die Frau des Wesirs aber einen Kamm. Als der Kraemer seinen Kasten schon wieder zumachen wollte, sah der Kalif eine kleine Schublade und fragte, ob da auch noch Waren seien. Der Kraemer zog die Schublade heraus und zeigte darin eine Dose mit schwaerzlichem Pulver und ein Papier mit sonderbarer Schrift, die weder der Kalif noch Mansor lesen konnte. "Ich bekam einmal diese zwei Stuecke von einem Kaufmanne, der sie in Mekka auf der Strasse fand", sagte der Kraemer, "Ich weiss nicht, was sie enthalten; euch stehen sie um geringen Preis zu Dienst, ich kann doch nichts damit anfangen." Der Kalif, der in seiner Bibliothek gerne alte Manuskripte hatte, wenn er sie auch nicht lesen konnte, kaufte Schrift und Dose und entliess den Kraemer. Der Kalif aber dachte, er moechte gerne wissen, was die Schrift enthalte, und, fragte den Wesir, ob er keinen kenne, der es entziffern koennte. "Gnaedigster Herr und Gebieter", antwortete dieser, "an der grossen Moschee wohnt ein Mann, er heisst Selim, der Gelehrte, der versteht alle Sprachen, lass ihn kommen, vielleicht kennt er diese geheimnisvollen Zuege." Der Gelehrte Selim war bald herbeigeholt. "Selim", sprach zu ihm der Kalif, "Selim, man sagt, du seiest sehr gelehrt; guck einmal ein wenig in diese Schrift, ob du sie lesen kannst; kannst du sie lesen, so bekommst du ein neues Festkleid von mir, kannst du es nicht, so bekommst du zwoelf Backenstreiche und fuenfundzwanzig auf die Fusssohlen, weil man dich dann umsonst Selim, den Gelehrten, nennt." Selim verneigte sich und sprach: "Dein Wille geschehe, o Herr!" Lange betrachtete er die Schrift, ploetzlich aber rief er aus: "Das ist Lateinisch, o Herr, oder ich lass mich haengen." "Sag, was drinsteht", befahl der Kalif, "wenn es Lateinisch ist." Selim fing an zu uebersetzen: "Mensch, der du dieses findest, preise Allah fuer seine Gnade. Wer von dem Pulver in dieser Dose schnupft und dazu spricht: mutabor, der kann sich in jedes Tier verwandeln und versteht auch die Sprache der Tiere. Will er wieder in seine menschliche Gestalt zurueckkehren, so neige er sich dreimal gen Osten und spreche jenes Wort; aber huete dich, wenn du verwandelt bist, dass du nicht lachest, sonst verschwindet das Zauberwort gaenzlich aus deinem Gedaechtnis, und du bleibst ein Tier." Als Selim, der Gelehrte, also gelesen hatte, war der Kalif ueber die Massen vergnuegt. Er liess den Gelehrten schwoeren, niemandem etwas von dem Geheimnis zu sagen, schenkte ihm ein schoenes Kleid und entliess ihn. Zu seinem Grosswesir aber sagte er: "Das heiss' ich gut einkaufen, Mansor! Wie freue ich mich, bis ich ein Tier bin. Morgen frueh kommst du zu mir; wir gehen dann miteinander aufs Feld, schnupfen etwas Weniges aus meiner Dose und belauschen dann, was in der Luft und im Wasser, im Wald und Feld gesprochen wird!" Kaum hatte am anderen Morgen der Kalif Chasid gefruehstueckt und sich angekleidet, als schon der Grosswesir erschien, ihn, wie er befohlen, auf dem Spaziergang zu begleiten. Der Kalif steckte die Dose mit dem Zauberpulver in den Guertel, und nachdem er seinem Gefolge befohlen, zurueckzubleiben, machte er sich mit dem Grosswesir ganz allein auf den Weg. Sie gingen zuerst durch die weiten Gaerten des Kalifen, spaehten aber vergebens nach etwas Lebendigem, um ihr Kunststueck zu probieren. Der Wesir schlug endlich vor, weiter hinaus an einen Teich zu gehen, wo er schon oft viele Tiere, namentlich Stoerche, gesehen habe, die durch ihr gravitaetisches Wesen und ihr Geklapper immer seine Aufmerksamkeit erregt hatten. Der Kalif billigte den Vorschlag seines Wesirs und ging mit ihm dem Teich zu. Als sie dort angekommen waren, sahen sie einen Storch ernsthaft auf und ab gehen, Froesche suchend und hier und da etwas vor sich hinklappernd. Zugleich sahen sie auch weit oben in der Luft einen anderen Storch dieser Gegend zuschweben. "Ich wette meinen Bart, gnaedigster Herr", sagte er Grosswesir, "wenn nicht diese zwei Langfuessler ein schoenes Gespraech miteinander fuehren werden. Wie waere es, wenn wir Stoerche wuerden?" "Wohl gesprochen!" antwortete der Kalif. "Aber vorher wollen wir noch einmal betrachten, wie man wieder Mensch wird.--Richtig! Dreimal gen Osten geneigt und mutabor gesagt, so bin ich wieder Kalif und du Wesir. Aber nur um Himmels willen nicht gelacht, sonst sind wir verloren!" Waehrend der Kalif also sprach, sah er den anderen Storch ueber ihrem Haupte schweben und langsam sich zur Erde lassen. Schnell zog er die Dose aus dem Guertel, nahm eine gute Prise, bot sie dem Grosswesir dar, der gleichfalls schnupfte, und beide riefen: mutabor! Da schrumpften ihre Beine ein und wurden duenn und rot, die schoenen gelben Pantoffeln des Kalifen und seines Begleiters wurden unfoermliche Storchfuesse, die Arme wurden zu Fluegeln, der Hals fuhr aus den Achseln und ward eine Elle lang, der Bart war verschwunden, und den Koerper bedeckten weiche Federn. "Ihr habt einen huebschen Schnabel, Herr Grosswesir", sprach nach langem Erstaunen der Kalif. "Beim Bart des Propheten, so etwas habe ich in meinem Leben nicht gesehen." "Danke untertaenigst", erwiderte der Grosswesir, indem er sich bueckte, "aber wenn ich es wagen darf, moechte ich behaupten, Eure Hoheit sehen als Storch beinahe noch huebscher aus denn als Kalif. Aber kommt, wenn es Euch gefaellig ist, dass wir unsere Kameraden dort belauschen und erfahren, ob wir wirklich Storchisch koennen." Indem war der andere Storch auf der Erde angekommen; er putzte sich mit dem Schnabel seine Fuesse, legte seine Federn zurecht und ging auf den ersten Storch zu. Die beiden neuen Stoerche aber beeilten sich, in ihre Naehe zu kommen, und vernahmen zu ihrem Erstaunen folgendes Gespraech: "Guten Morgen, Frau Langbein, so frueh schon auf der Wiese?" "Schoenen Dank, liebe Klapperschnabel! Ich habe mir nur ein kleines Fruehstueck geholt. Ist Euch vielleicht ein Viertelchen Eidechs gefaellig oder ein Froschschenkelein?" "Danke gehorsamst; habe heute gar keinen Appetit. Ich komme auch wegen etwas ganz anderem auf die Wiese. Ich soll heute vor den Gaesten meines Vaters tanzen, und da will ich mich im stillen ein wenig ueben." Zugleich schritt die junge Stoerchin in wunderlichen Bewegungen durch das Feld. Der Kalif und Mansor sahen ihr verwundert nach; als sie aber in malerischer Stellung auf einem Fuss stand und mit den Fluegeln anmutig dazu wedelte, da konnten sich die beiden nicht mehr halten; ein unaufhaltsames Gelaechter brach aus ihren Schnaebeln hervor, von dem sie sich erst nach langer Zeit erholten. Der Kalif fasste sich zuerst wieder: "Das war einmal ein Spass", rief er, "der nicht mit Gold zu bezahlen ist; schade, dass die Tiere durch unser Gelaechter sich haben verscheuchen lassen, sonst haetten sie gewiss auch noch gesungen!" Aber jetzt fiel es dem Grosswesir ein, dass das Lachen waehrend der Verwandlung verboten war. Er teilte seine Angst deswegen dem Kalifen mit. "Potz Mekka und Medina! Das waere ein schlechter Spass, wenn ich ein Storch bleiben muesste! Besinne dich doch auf das dumme Wort, ich bring' es nicht heraus." "Dreimal gen Osten muessen wir uns buecken und dazu sprechen: mu--mu--mu--" Sie stellten sich gegen Osten und bueckten sich in einem fort, dass ihre Schnaebel beinahe die Erde beruehrten; aber, o Jammer! Das Zauberwort war ihnen entfallen, und so oft sich auch der Kalif bueckte, so sehnlich auch sein Wesir mu--mu dazu rief, jede Erinnerung daran war verschwunden, und der arme Chasid und sein Wesir waren und blieben Stoerche. Traurig wandelten die Verzauberten durch die Felder, sie wussten gar nicht, was sie in ihrem Elend anfangen sollten. Aus ihrer Storchenhaut konnten sie nicht heraus, in die Stadt zurueck konnten sie auch nicht, um sich zu erkennen zu geben; denn wer haette einem Storch geglaubt, dass er der Kalif sei, und wenn man es auch geglaubt haette, wuerden die Einwohner von Bagdad einen Storch zum Kalif gewollt haben? So schlichen sie mehrere Tage umher und ernaehrten sich kuemmerlich von Feldfruechten, die sie aber wegen ihrer langen Schnaebel nicht gut verspeisen konnten. Auf Eidechsen und Froesche hatten sie uebrigens keinen Appetit, denn sie befuerchteten, mit solchen Leckerbissen sich den Magen zu verderben. Ihr einziges Vergnuegen in dieser traurigen Lage war, dass sie fliegen konnten, und so flogen sie oft auf die Daecher von Bagdad, um zu sehen, was darin vorging. In den ersten Tagen bemerkten sie grosse Unruhe und Trauer in den Strassen; aber ungefaehr am vierten Tag nach ihrer Verzauberung sassen sie auf dem Palast des Kalifen, da sahen sie unten in der Strasse einen praechtigen Aufzug; Trommeln und Pfeifen ertoenten, ein Mann in einem goldbestickten Scharlachmantel sass auf einem geschmueckten Pferd, umgeben von glaenzenden Dienern, halb Bagdad sprang ihm nach, und alle schrien: "Heil Mizra, dem Herrscher von Bagdad!" Da sahen die beiden Stoerche auf dem Dache des Palastes einander an, und der Kalif Chasid sprach: "Ahnst du jetzt, warum ich verzaubert bin, Grosswesir? Dieser Mizra ist der Sohn meines Todfeindes, des maechtigen Zauberers Kaschnur, der mir in einer boesen Stunde Rache schwur. Aber noch gebe ich die Hoffnung nicht auf--Komm mit mir, du treuer Gefaehrte meines Elends, wir wollen zum Grabe des Propheten wandern, vielleicht, dass an heiliger Staette der Zauber geloest wird." Sie erhoben sich vom Dach des Palastes und flogen der Gegend von Medina zu. Mit dem Fliegen wollte es aber nicht gar gut gehen; denn die beiden Stoerche hatten noch wenig Uebung. "O Herr", aechzte nach ein paar Stunden der Grosswesir, "ich halte es mit Eurer Erlaubnis nicht mehr lange aus; Ihr fliegt gar zu schnell! Auch ist es schon Abend, und wir taeten wohl, ein Unterkommen fuer die Nacht zu suchen." Chasid gab der Bitte seines Dieners Gehoer; und da er unten im Tale eine Ruine erblickte, die ein Obdach zu gewaehren schien, so flogen sie dahin. Der Ort, wo sie sich fuer diese Nacht niedergelassen hatten, schien ehemals ein Schloss gewesen zu sein. Schoene Saeulen ragten unter den Truemmern hervor, mehrere Gemaecher, die noch ziemlich erhalten waren, zeugten von der ehemaligen Pracht des Hauses. Chasid und sein Begleiter gingen durch die Gaenge umher, um sich ein trockenes Plaetzchen zu suchen; ploetzlich blieb der Storch Mansor stehen. "Herr und Gebieter", fluesterte er leise, "wenn es nur nicht toericht fuer einen Grosswesir, noch mehr aber fuer einen Storch waere, sich vor Gespenstern zu fuerchten! Mir ist ganz unheimlich zumute; denn hier neben hat es ganz vernehmlich geseufzt und gestoehnt." Der Kalif blieb nun auch stehen und hoerte ganz deutlich ein leises Weinen, das eher einem Menschen als einem Tiere anzugehoeren schien. Voll Erwartung wollte er der Gegend zugehen, woher die Klagetoene kamen; der Wesir aber packte ihn mit dem Schnabel am Fluegel und bat ihn flehentlich, sich nicht in neue, unbekannte Gefahren zu stuerzen. Doch vergebens! Der Kalif, dem auch unter dem Storchenfluegel ein tapferes Herz schlug, riss sich mit Verlust einiger Federn los und eilte in einen finsteren Gang. Bald war er an einer Tuer angelangt, die nur angelehnt schien und woraus er deutliche Seufzer mit ein wenig Geheul vernahm. Er stiess mit dem Schnabel die Tuere auf, blieb aber ueberrascht auf der Schwelle stehen. In dem verfallenen Gemach, das nur durch ein kleines Gitterfenster spaerlich erleuchtet war, sah er eine grosse Nachteule am Boden sitzen. Dicke Traenen rollten ihr aus den grossen, runden Augen, und mit heiserer Stimme stiess sie ihre Klagen zu dem krummen Schnabel heraus. Als sie aber den Kalifen und seinen Wesir, der indes auch herbeigeschlichen war, erblickte, erhob sie ein lautes Freudengeschrei. Zierlich wischte sie mit dem braungefleckten Fluegel die Traenen aus dem Auge, und zu dem groessten Erstaunen der beiden rief sie in gutem menschlichem Arabisch: "Willkommen, ihr Stoerche! Ihr seid mir ein gutes Zeichen meiner Errettung; denn durch Stoerche werde mir ein grosses Glueck kommen, ist mir einst prophezeit worden!" Als sich der Kalif von seinem Erstaunen erholt hatte, bueckte er sich mit seinem langen Hals, brachte seine duennen Fuesse in eine zierliche Stellung und sprach: "Nachteule! Deinen Worten nach darf ich glauben, eine Leidensgefaehrtin in dir zu sehen. Aber ach! Deine Hoffnung, dass durch uns deine Rettung kommen werde, ist vergeblich. Du wirst unsere Hilflosigkeit selbst erkennen, wenn du unsere Geschichte hoerst." Die Nachteule bat ihn zu erzaehlen, was der Kalif sogleich tat. Als der Kalif der Eule seine Geschichte vorgetragen hatte, dankte sie ihm und sagte: "Vernimm auch meine Geschichte und hoere, wie ich nicht weniger ungluecklich bin als du. Mein Vater ist der Koenig von Indien, ich, seine einzige unglueckliche Tochter, heisse Lusa. Jener Zauberer Kaschnur, der euch verzauberte, hat auch mich ins Unglueck gestuerzt. Er kam eines Tages zu meinem Vater und begehrte mich zur Frau fuer seinen Sohn Mizra. Mein Vater aber, der ein hitziger Mann ist, liess ihn die Treppe hinunterwerfen. Der Elende wusste sich unter einer anderen Gestalt wieder in meine Naehe zu schleichen, und als ich einst in meinem Garten Erfrischungen zu mir nehmen wollte, brachte er mir, als Sklave verkleidet, einen Trank bei, der mich in diese abscheuliche Gestalt verwandelte. Vor Schrecken ohnmaechtig, brachte er mich hierher und rief mir mit schrecklicher Stimme in die Ohren: 'Da sollst du bleiben, haesslich, selbst von den Tieren verachtet, bis an dein Ende, oder bis einer aus freiem Willen dich, selbst in dieser schrecklichen Gestalt, zur Gattin begehrt. So raeche ich mich an dir und deinem stolzen Vater.' Seitdem sind viele Monate verflossen. Einsam und traurig lebe ich als Einsiedlerin in diesem Gemaeuer, verabscheut von der Welt, selbst den Tieren ein Greuel; die schoene Natur ist vor mir verschlossen; denn ich bin blind am Tage, und nur, wenn der Mond sein bleiches Licht ueber dies Gemaeuer ausgiesst, faellt der verhuellende Schleier von meinem Auge." Die Eule hatte geendet und wischte sich mit dem Fluegel wieder die Augen aus, denn die Erzaehlung ihrer Leiden hatte ihr Traenen entlockt. Der Kalif war bei der Erzaehlung der Prinzessin in tiefes Nachdenken versunken. "Wenn mich nicht alles taeuscht", sprach er, "so findet zwischen unserem Unglueck ein geheimer Zusammenhang statt; aber wo finde ich den Schluessel zu diesem Raetsel?" Die Eule antwortete ihm: "O Herr! Auch mir ahnet dies; denn es ist mir einst in meiner fruehesten Jugend von einer weisen Frau prophezeit worden, dass ein Storch mir ein grosses Glueck bringen werde, und ich wuesste vielleicht, wie wir uns retten koennten." Der Kalif war sehr erstaunt und fragte, auf welchem Wege sie meine. "Der Zauberer, der uns beide ungluecklich gemacht hat", sagte sie, "kommt alle Monate einmal in diese Ruinen. Nicht weit von diesem Gemach ist ein Saal. Dort pflegt er dann mit vielen Genossen zu schmausen. Schon oft habe ich sie dort belauscht. Sie erzaehlen dann einander ihre schaendlichen Werke; vielleicht, dass er dann das Zauberwort, das ihr vergessen habt, ausspricht." "O, teuerste Prinzessin", rief der Kalif, "sag an, wann kommt er, und wo ist der Saal?" Die Eule schwieg einen Augenblick und sprach dann: "Nehmet es nicht unguetig, aber nur unter einer Bedingung kann ich Euern Wunsch erfuellen." "Sprich aus! Sprich aus!" schrie Chasid. "Befiehl, es ist mir jede recht." "Naemlich, ich moechte auch gern zugleich frei sein; dies kann aber nur geschehen, wenn einer von euch mir seine Hand reicht." Die Stoerche schienen ueber den Antrag etwas betroffen zu sein, und der Kalif winkte seinem Diener, ein wenig mit ihm hinauszugehen. "Grosswesir", sprach vor der Tuere der Kalif, "das ist ein dummer Handel; aber Ihr koenntet sie schon nehmen." "So", antwortete dieser, "dass mir meine Frau, wenn ich nach Hause komme, die Augen auskratzt? Auch bin ich ein alter Mann, und Ihr seid noch jung und unverheiratet und koennet eher einer jungen, schoenen Prinzessin die Hand geben." "Das ist es eben", seufzte der Kalif, indem er traurig die Fluegel haengen liess, "wer sagt dir denn, dass sie jung und schoen ist? Das heisst eine Katze im Sack kaufen!" Sie redeten einander gegenseitig noch lange zu; endlich aber, als der Kalif sah, dass sein Wesir lieber Storch bleiben als die Eule heiraten wollte, entschloss er sich, die Bedingung lieber selbst zu erfuellen. Die Eule war hocherfreut. Sie gestand ihnen, dass sie zu keiner besseren Zeit haetten kommen koennen, weil wahrscheinlich in dieser Nacht die Zauberer sich versammeln wuerden. Sie verliess mit den Stoerchen das Gemach, um sie in jenen Saal zu fuehren; sie gingen lange in einem finsteren Gang hin; endlich strahlte ihnen aus einer halbverfallenen Mauer ein heller Schein entgegen. Als sie dort angelangt waren, riet ihnen die Eule, sich ganz ruhig zu verhalten. Sie konnten von der Luecke, an welcher sie standen, einen grossen Saal uebersehen. Er war ringsum mit Saeulen geschmueckt und prachtvoll verziert. Viele farbige Lampen ersetzten das Licht des Tages. In der Mitte des Saales stand ein runder Tisch, mit vielen und ausgesuchten Speisen besetzt. Rings um den Tisch zog sich ein Sofa, auf welchem acht Maenner sassen. In einem dieser Maenner erkannten die Stoerche jenen Kraemer wieder, der ihnen das Zauberpulver verkauft hatte. Sein Nebensitzer forderte ihn auf, ihnen seine neuesten Taten zu erzaehlen. Er erzaehlte unter anderen auch die Geschichte des Kalifen und seines Wesirs. "Was fuer ein Wort hast du ihnen denn aufgegeben?" fragte ihn ein anderer Zauberer. "Ein recht schweres lateinisches, es heisst mutabor." Als die Stoerche an der Mauerluecke dieses hoerten, kamen sie vor Freuden beinahe ausser sich. Sie liefen auf ihren langen Fuessen so schnell dem Tore der Ruine zu, dass die Eule kaum folgen konnte. Dort sprach der Kalif geruehrt zu der Eule: "Retterin meines Lebens und des Lebens meines Freundes, nimm zum ewigen Dank fuer das, was du an uns getan, mich zum Gemahl an!" Dann aber wandte er sich nach Osten. Dreimal bueckten die Stoerche ihre langen Haelse der Sonne entgegen, die soeben hinter dem Gebirge heraufstieg: "Mutabor!" riefen sie, im Nu waren sie verwandelt, und in der hohen Freude des neugeschenkten Lebens lagen Herr und Diener lachend und weinend einander in den Armen. Wer beschreibt aber ihr Erstaunen, als sie sich umsahen? Eine schoene Dame, herrlich geschmueckt, stand vor ihnen. Laechelnd gab sie dem Kalifen die Hand. "Erkennt Ihr Eure Nachteule nicht mehr?" sagte sie. Sie war es; der Kalif war von ihrer Schoenheit und Anmut entzueckt. Die drei zogen nun miteinander auf Bagdad zu. Der Kalif fand in seinen Kleidern nicht nur die Dose mit Zauberpulver, sondern auch seinen Geldbeutel. Er kaufte daher im naechsten Dorfe, was zu ihrer Reise noetig war, und so kamen sie bald an die Tore von Bagdad. Dort aber erregte die Ankunft des Kalifen grosses Erstaunen. Man hatte ihn fuer tot ausgegeben, und das Volk war daher hocherfreut, seinen geliebten Herrscher wiederzuhaben. Um so mehr aber entbrannte ihr Hass gegen den Betrueger Mizra. Sie zogen in den Palast und nahmen den alten Zauberer und seinen Sohn gefangen. Den Alten schickte der Kalif in dasselbe Gemach der Ruine, das die Prinzessin als Eule bewohnt hatte, und liess ihn dort aufhaengen. Dem Sohn aber, welcher nichts von den Kuensten des Vaters verstand, liess der Kalif die Wahl, ob er sterben oder schnupfen wolle. Als er das letztere waehlte, bot ihm der Grosswesir die Dose. Eine tuechtige Prise, und das Zauberwort des Kalifen verwandelte ihn in einen Storch. Der Kalif liess ihn in einen eisernen Kaefig sperren und in seinem Garten aufstellen. Lange und vergnuegt lebte Kalif Chasid mit seiner Frau, der Prinzessin; seine vergnuegtesten Stunden waren immer die, wenn ihn der Grosswesir nachmittags besuchte; da sprachen sie dann oft von ihrem Storchabenteuer, und wenn der Kalif recht heiter war, liess er sich herab, den Grosswesir nachzuahmen, wie er als Storch aussah. Er stieg dann ernsthaft, mit steifen Fuessen im Zimmer auf und ab, klapperte, wedelte mit den Armen wie mit Fluegeln und zeigte, wie jener sich vergeblich nach Osten geneigt und Mu--Mu--dazu gerufen habe. Fuer die Frau Kalifin und ihre Kinder war diese Vorstellung allemal eine grosse Freude; wenn aber der Kalif gar zu lange klapperte und nickte und Mu--Mu--schrie, dann drohte ihm laechelnd der Wesir: Er wolle das, was vor der Tuere der Prinzessin Nachteule verhandelt worden sei, der Frau Kalifin mitteilen. Als Selim Baruch seine Geschichte beendet hatte, bezeugten sich die Kaufleute sehr zufrieden damit. "Wahrhaftig, der Nachmittag ist uns vergangen, ohne dass wir merkten wie!" sagte einer derselben, indem er die Decke des Zeltes zurueckschlug. "Der Abendwind wehet kuehl, und wir koennten noch eine gute Strecke Weges zuruecklegen." Seine Gefaehrten waren damit einverstanden, die Zelte wurden abgebrochen, und die Karawane machte sich in der naemlichen Ordnung, in welcher sie herangezogen war, auf den Weg. Sie ritten beinahe die ganze Nacht hindurch, denn es war schwuel am Tage, die Nacht aber war erquicklich und sternhell. Sie kamen endlich an einem bequemen Lagerplatz an, schlugen die Zelte auf und legten sich zur Ruhe. Fuer den Fremden aber sorgten die Kaufleute, wie wenn er ihr wertester Gastfreund waere. Der eine gab ihm Polster, der andere Decken, ein dritter gab ihm Sklaven, kurz, er wurde so gut bedient, als ob er zu Hause waere. Die heisseren Stunden des Tages waren schon heraufgekommen, als sie sich wieder erhoben, und sie beschlossen einmuetig, hier den Abend abzuwarten. Nachdem sie miteinander gespeist hatten, rueckten sie wieder naeher zusammen, und der junge Kaufmann wandte sich an den aeltesten und sprach: "Selim Baruch hat uns gestern einen vergnuegten Nachmittag bereitet, wie waere es, Achmet, wenn Ihr uns auch etwas erzaehltet, sei es nun aus Eurem langen Leben, das wohl viele Abenteuer aufzuweisen hat, oder sei es auch ein huebsches Maerchen." Achmet schwieg auf diese Anrede eine Zeitlang, wie wenn er bei sich im Zweifel waere, ob er dies oder jenes sagen sollte oder nicht; endlich fing er an zu sprechen: "Liebe Freunde! Ihr habt euch auf dieser unserer Reise als treue Gesellen erprobt, und auch Selim verdient mein Vertrauen; daher will ich euch etwas aus meinem Leben mitteilen, das ich sonst ungern und nicht jedem erzaehle: die Geschichte von dem Gespensterschiff." Die Geschichte von dem Gespensterschiff Wilhelm Hauff Mein Vater hatte einen kleinen Laden in Balsora; er war weder arm noch reich und einer von jenen Leuten, die nicht gerne etwas wagen, aus Furcht, das Wenige zu verlieren, das sie haben. Er erzog mich schlicht und recht und brachte es bald so weit, dass ich ihm an die Hand gehen konnte. Gerade als ich achtzehn Jahre alt war, als er die erste groessere Spekulation machte, starb er, wahrscheinlich aus Gram, tausend Goldstuecke dem Meere anvertraut zu haben. Ich musste ihn bald nachher wegen seines Todes gluecklich preisen, denn wenige Wochen hernach lief die Nachricht ein, dass das Schiff, dem mein Vater seine Gueter mitgegeben hatte, versunken sei. Meinen jugendlichen Mut konnte aber dieser Unfall nicht beugen. Ich machte alles vollends zu Geld, was mein Vater hinterlassen hatte, und zog aus, um in der Fremde mein Glueck zu probieren, nur von einem alten Diener meines Vaters begleitet. Im Hafen von Balsora schifften wir uns mit guenstigem Winde ein. Das Schiff, auf dem ich mich eingemietet hatte, war nach Indien bestimmt. Wir waren schon fuenfzehn Tage auf der gewoehnlichen Strasse gefahren, als uns der Kapitaen einen Sturm verkuendete. Er machte ein bedenkliches Gesicht, denn es schien, er kenne in dieser Gegend das Fahrwasser nicht genug, um einem Sturm mit Ruhe begegnen zu koennen. Er liess alle Segel einziehen, und wir trieben ganz langsam hin. Die Nacht war angebrochen, war hell und kalt, und der Kapitaen glaubte schon, sich in den Anzeichen des Sturmes getaeuscht zu haben. Auf einmal schwebte ein Schiff, das wir vorher nicht gesehen hatten, dicht an dem unsrigen vorbei. Wildes Jauchzen und Geschrei erscholl aus dem Verdeck herueber, worueber ich mich zu dieser angstvollen Stunde vor einem Sturm nicht wenig wunderte. Aber der Kapitaen an meiner Seite wurde blass wie der Tod. "Mein Schiff ist verloren", rief er, "dort segelt der Tod!" Ehe ich ihn noch ueber diesen sonderbaren Ausruf befragen konnte, stuerzten schon heulend und schreiend die Matrosen herein. "Habt ihr ihn gesehen?" schrien sie. "Jetzt ist's mit uns vorbei!" Der Kapitaen aber liess Trostsprueche aus dem Koran vorlesen und setzte sich selbst ans Steuerruder. Aber vergebens! Zusehends brauste der Sturm auf, und ehe eine Stunde verging, krachte das Schiff und blieb sitzen. Die Boote wurden ausgesetzt, und kaum hatten sich die letzten Matrosen gerettet, so versank das Schiff vor unseren Augen, und als ein Bettler fuhr ich in die See hinaus. Aber der Jammer hatte noch kein Ende. Fuerchterlicher tobte der Sturm; das Boot war nicht mehr zu regieren. Ich hatte meinen alten Diener fest umschlungen, und wir versprachen uns, nie voneinander zu weichen. Endlich brach der Tag an. Aber mit dem ersten Anblick der Morgenroete fasste der Wind das Boot, in welchem wir sassen, und stuerzte es um. Ich habe keinen meiner Schiffsleute mehr gesehen. Der Sturz hatte mich betaeubt; und als ich aufwachte, befand ich mich in den Armen meines alten treuen Dieners, der sich auf das umgeschlagene Boot gerettet und mich nachgezogen hatte. Der Sturm hatte sich gelegt. Von unserem Schiff war nichts mehr zu sehen, wohl aber entdeckten wir nicht weit von uns ein anderes Schiff, auf das die Wellen uns hintrieben. Als wir naeher hinzukamen, erkannte ich das Schiff als dasselbe, das in der Nacht an uns vorbeifuhr und welches den Kapitaen so sehr in Schrecken gesetzt hatte. Ich empfand ein sonderbares Grauen vor diesem Schiffe. Die Aeusserung des Kapitaens, die sich so furchtbar bestaetigt hatte, das oede Aussehen des Schiffes, auf dem sich, so nahe wir auch herankamen, so laut wir schrien, niemand zeigte, erschreckten mich. Doch es war unser einziges Rettungsmittel; darum priesen wir den Propheten, der uns so wundervoll erhalten hatte. Am Vorderteil des Schiffes hing ein langes Tau herab. Mit Haenden und Fuessen ruderten wir darauf zu, um es zu erfassen. Endlich glueckte es. Noch einmal erhob ich meine Stimme, aber immer blieb es still auf dem Schiff. Da klimmten wir an dem Tau hinauf, ich als der Juengste voran. Aber Entsetzen! Welches Schauspiel stellte sich meinem Auge dar, als ich das Verdeck betrat! Der Boden war mit Blut geroetet, zwanzig bis dreissig Leichname in tuerkischen Kleidern lagen auf dem Boden, am mittleren Mastbaum stand ein Mann, reich gekleidet, den Saebel in der Hand, aber das Gesicht war blass und verzerrt, durch die Stirn ging ein grosser Nagel, der ihn an den Mastbaum heftete, auch er war tot. Schrecken fesselte meine Schritte, ich wagte kaum zu atmen. Endlich war auch mein Begleiter heraufgekommen. Auch ihn ueberraschte der Anblick des Verdecks, das gar nichts Lebendiges, sondern nur so viele schreckliche Tote zeigte. Wir wagten es endlich, nachdem wir in der Seelenangst zum Propheten gefleht hatten, weiter vorzuschreiten. Bei jedem Schritte sahen wir uns um, ob nicht etwas Neues, noch Schrecklicheres sich darbiete; aber alles blieb, wie es war; weit und breit nichts Lebendiges als wir und das Weltmeer. Nicht einmal laut zu sprechen wagten wir, aus Furcht, der tote, am Mast angespiesste Kapitano moechte seine starren Augen nach uns hindrehen oder einer der Getoeteten moechte seinen Kopf umwenden. Endlich waren wir bis an eine Treppe gekommen, die in den Schiffsraum fuehrte. Unwillkuerlich machten wir dort halt und sahen einander an, denn keiner wagte es recht, seine Gedanken zu aeussern. "O Herr", sprach mein treuer Diener, "hier ist etwas Schreckliches geschehen. Doch wenn auch das Schiff da unten voll Moerder steckt, so will ich mich ihnen doch lieber auf Gnade und Ungnade ergeben, als laengere Zeit unter diesen Toten zubringen." Ich dachte wie er; wir fassten uns ein Herz und stiegen voll Erwartung hinunter. Totenstille war aber auch hier, und nur unsere Schritte hallten auf der Treppe. Wir standen an der Tuere der Kajuete. Ich legte mein Ohr an die Tuere und lauschte; es war nichts zu hoeren. Ich machte auf. Das Gemach bot einen unordentlichen Anblick dar. Kleider, Waffen und andere Geraete lagen untereinander. Nichts in Ordnung. Die Mannschaft oder wenigstens der Kapitano mussten vor kurzem gezechet haben; denn es lag alles noch umher. Wir gingen weiter von Raum zu Raum, von Gemach zu Gemach, ueberall fanden wir herrliche Vorraete in Seide, Perlen, Zucker usw. Ich war vor Freude ueber diesen Anblick ausser mir, denn da niemand auf dem Schiff war, glaubte ich, alles mir zueignen zu duerfen, Ibrahim aber machte mich aufmerksam darauf, dass wir wahrscheinlich noch sehr weit vom Lande seien, wohin wir allein und ohne menschliche Hilfe nicht kommen koennten. Wir labten uns an den Speisen und Getraenken, die wir in reichem Mass vorfanden, und stiegen endlich wieder aufs Verdeck. Aber hier schauderte uns immer die Haut ob dem schrecklichen Anblick der Leichen. Wir beschlossen, uns davon zu befreien und sie ueber Bord zu werfen; aber wie schauerlich ward uns zumut, als wir fanden, dass sich keiner aus seiner Lage bewegen liess. Wie festgebannt lagen sie am Boden, und man haette den Boden des Verdecks ausheben muessen, um sie zu entfernen, und dazu gebrach es uns an Werkzeugen. Auch der Kapitano liess sich nicht von seinem Mast losmachen; nicht einmal seinen Saebel konnten wir der starren Hand entwinden. Wir brachten den Tag in trauriger Betrachtung unserer Lage zu, und als es Nacht zu werden anfing, erlaubte ich dem alten Ibrahim, sich schlafen zu legen, ich selbst aber wollte auf dem Verdeck wachen, um nach Rettung auszuspaehen. Als aber der Mond heraufkam und ich nach den Gestirnen berechnete, dass es wohl um die elfte Stunde sei, ueberfiel mich ein so unwiderstehlicher Schlaf, dass ich unwillkuerlich hinter ein Fass, das auf dem Verdeck stand, zurueckfiel. Doch war es mehr Betaeubung als Schlaf, denn ich hoerte deutlich die See an der Seite des Schiffes anschlagen und die Segel vom Winde knarren und pfeifen. Auf einmal glaubte ich Stimmen und Maennertritte auf dem Verdeck zu hoeren. Ich wollte mich aufrichten, um danach zu schauen. Aber eine unsichtbare Gewalt hielt meine Glieder gefesselt; nicht einmal die Augen konnte ich aufschlagen. Aber immer deutlicher wurden die Stimmen, es war mir, als wenn ein froehliches Schiffsvolk auf dem Verdeck sich umhertriebe; mitunter glaubte ich, die kraeftige Stimme eines Befehlenden zu hoeren, auch hoerte ich Taue und Segel deutlich auf- und abziehen. Nach und nach aber schwanden mir die Sinne, ich verfiel in einen tieferen Schlaf, in dem ich nur noch ein Geraeusch von Waffen zu hoeren glaubte, und erwachte erst, als die Sonne schon hoch stand und mir aufs Gesicht brannte. Verwundert schaute ich mich um, Sturm, Schiff, die Toten und was ich in dieser Nacht gehoert hatte, kam mir wie ein Traum vor, aber als ich aufblickte, fand ich alles wie gestern. Unbeweglich lagen die Toten, unbeweglich war der Kapitano an den Mastbaum geheftet. Ich lachte ueber meinen Traum und stand auf, um meinen Alten zu suchen. Dieser sass ganz nachdenklich in der Kajuete. "O Herr!" rief er aus, als ich zu ihm hineintrat, "ich wollte lieber im tiefsten Grund des Meeres liegen, als in diesem verhexten Schiff noch eine Nacht zubringen." Ich fragte ihn nach der Ursache seines Kummers, und er antwortete mir: "Als ich einige Stunden geschlafen hatte, wachte ich auf und vernahm, wie man ueber meinem Haupt hin und her lief. Ich dachte zuerst, Ihr waeret es, aber es waren wenigstens zwanzig, die oben umherliefen; auch hoerte ich rufen und schreien. Endlich kamen schwere Tritte die Treppe herab. Da wusste ich nichts mehr von mir, nur hie und da kehrte auf einige Augenblicke meine Besinnung zurueck, und da sah ich dann denselben Mann, der oben am Mast angenagelt ist, an jenem Tisch dort sitzen, singend und trinkend; aber der, der in einem roten Scharlachkleid nicht weit von ihm am Boden liegt, sass neben ihm und half ihm trinken." Also erzaehlte mir mein alter Diener. Ihr koennt mir es glauben, meine Freunde, dass mir gar nicht wohl zumute war; denn es war keine Taeuschung, ich hatte ja auch die Toten gar wohl gehoert. In solcher Gesellschaft zu schiffen, war mir greulich. Mein Ibrahim aber versank wieder in tiefes Nachdenken. "Jetzt hab' ich's!" rief er endlich aus; es fiel ihm naemlich ein Spruechlein ein, das ihn sein Grossvater, ein erfahrener, weitgereister Mann, gelehrt hatte und das gegen jeden Geister- und Zauberspuk helfen sollte; auch behauptete er, jenen unnatuerlichen Schlaf, der uns befiel, in der naechsten Nacht verhindern zu koennen, wenn wir naemlich recht eifrig Sprueche aus dem Koran beteten. Der Vorschlag des alten Mannes gefiel mir wohl. In banger Erwartung sahen wir die Nacht herankommen. Neben der Kajuete war ein kleines Kaemmerchen, dorthin beschlossen wir uns zurueckzuziehen. Wir bohrten mehrere Loecher in die Tuere, hinlaenglich gross, um durch sie die ganze Kajuete zu ueberschauen, dann verschlossen wir die Tuere, so gut es ging, von innen, und Ibrahim schrieb den Namen des Propheten in alle vier Ecken. So erwarteten wir die Schrecken der Nacht. Es mochte wieder ungefaehr elf Uhr sein, als es mich gewaltig zu schlaefern anfing. Mein Gefaehrte riet mir daher, einige Sprueche des Korans zu beten, was mir auch half. Mit einem Male schien es oben lebhaft zu werden; die Taue knarrten, Schritte gingen ueber das Verdeck, und mehrere Stimmen waren deutlich zu unterscheiden--Mehrere Minuten hatten wir so in gespannter Erwartung gesessen, da hoerten wir etwas die Treppe der Kajuete herabkommen. Als dies der Alte hoerte, fing er an, den Spruch, den ihn sein Grossvater gegen Spuk und Zauberei gelehrt hatte, herzusagen: "Kommt ihr herab aus der Luft, Steigt ihr aus tiefem Meer, Schlieft ihr in dunkler Gruft, Stammt ihr vom Feuer her: Allah ist euer Herr und Meister, ihm sind gehorsam alle Geister." Ich muss gestehen, ich glaubte gar nicht recht an diesen Spruch, und mir stieg das Haar zu Berg, als die Tuer aufflog. Herein trat jener grosse, stattliche Mann, den ich am Mastbaum angenagelt gesehen hatte. Der Nagel ging ihm auch jetzt mitten durchs Hirn; das Schwert aber hatte er in die Scheide gesteckt; hinter ihm trat noch ein anderer herein, weniger kostbar gekleidet; auch ihn hatte ich oben liegen sehen. Der Kapitano, denn dies war er unverkennbar, hatte ein bleiches Gesicht, einen grossen, schwarzen Bart, wildrollende Augen, mit denen er sich im ganzen Gemach umsah. Ich konnte ihn ganz deutlich sehen, als er an unserer Tuere vorueberging; er aber schien gar nicht auf die Tuere zu achten, die uns verbarg. Beide setzten sich an den Tisch, der in der Mitte der Kajuete stand, und sprachen laut und fast schreiend miteinander in einer unbekannten Sprache. Sie wurden immer lauter und eifriger, bis endlich der Kapitano mit geballter Faust auf den Tisch hineinschlug, dass das Zimmer droehnte. Mit wildem Gelaechter sprang der andere auf und winkte dem Kapitano, ihm zu folgen. Dieser stand auf, riss seinen Saebel aus der Scheide, und beide verliessen das Gemach. Wir atmeten freier, als sie weg waren; aber unsere Angst hatte noch lange kein Ende. Immer lauter und lauter ward es auf dem Verdeck. Man hoerte eilends hin und her laufen und schreien, lachen und heulen. Endlich ging ein wahrhaft hoellischer Laerm los, so dass wir glaubten, das Verdeck mit allen Segeln komme zu uns herab, Waffengeklirr und Geschrei--auf einmal aber tiefe Stille. Als wir es nach vielen Stunden wagten hinaufzugehen, trafen wir alles wie sonst; nicht einer lag anders als frueher. Alle waren steif wie Holz. So waren wir mehrere Tage auf dem Schiffe; es ging immer nach Osten, wohin zu, nach meiner Berechnung, Land liegen musste; aber wenn es auch bei Tag viele Meilen zurueckgelegt hatte, bei Nacht schien es immer wieder zurueckzukehren, denn wir befanden uns immer wieder am naemlichen Fleck, wenn die Sonne aufging. Wir konnten uns dies nicht anders erklaeren, als dass die Toten jede Nacht mit vollem Winde zuruecksegelten. Um nun dies zu verhueten, zogen wir, ehe es Nacht wurde, alle Segel ein und wandten dasselbe Mittel an wie bei der Tuere in der Kajuete; wir schrieben den Namen des Propheten auf Pergament und auch das Spruechlein des Grossvaters dazu und banden es um die eingezogenen Segel. Aengstlich warteten wir in unserem Kaemmerchen den Erfolg ab. Der Spuk schien diesmal noch aerger zu toben, aber siehe, am anderen Morgen waren die Segel noch aufgerollt, wie wir sie verlassen hatten. Wir spannten den Tag ueber nur so viele Segel auf, als noetig waren, das Schiff sanft fortzutreiben, und so legten wir in fuenf Tagen eine gute Strecke zurueck. Endlich, am Morgen des sechsten Tages, entdeckten wir in geringer Ferne Land, und wir dankten Allah und seinem Propheten fuer unsere wunderbare Rettung. Diesen Tag und die folgende Nacht trieben wir an einer Kueste hin, und am siebenten Morgen glaubten wir in geringer Entfernung eine Stadt zu entdecken; wir liessen mit vieler Muehe einen Anker in die See, der alsobald Grund fasste, setzten ein kleines Boot, das auf dem Verdeck stand, aus und ruderten mit aller Macht der Stadt zu. Nach einer halben Stunde liefen wir in einen Fluss ein, der sich in die See ergoss, und stiegen ans Ufer. Am Stadttor erkundigten wir uns, wie die Stadt heisse, und erfuhren, dass es eine indische Stadt sei, nicht weit von der Gegend, wohin ich zuerst zu schiffen willens war. Wir begaben uns in eine Karawanserei und erfrischten uns von unserer abenteuerlichen Reise. Ich forschte daselbst auch nach einem weisen und verstaendigen Manne, indem ich dem Wirt zu verstehen gab, dass ich einen solchen haben moechte, der sich ein wenig auf Zauberei verstehe. Er fuehrte mich in eine abgelegene Strasse, an ein unscheinbares Haus, pochte an, und man liess mich eintreten mit der Weisung, ich solle nur nach Muley fragen. In dem Hause kam mir ein altes Maennlein mit grauem Bart und langer Nase entgegen und fragte nach meinem Begehr. Ich sagte ihm, ich suche den weisen Muley, und er antwortete mir, er sei es selbst. Ich fragte ihn nun um Rat, was ich mit den Toten machen solle und wie ich es angreifen muesse, um sie aus dem Schiff zu bringen. Er antwortete mir, die Leute des Schiffes seien wahrscheinlich wegen irgendeines Frevels auf das Meer verzaubert; er glaube, der Zauber werde sich loesen, wenn man sie ans Land bringe; dies koenne aber nicht geschehen, als wenn man die Bretter, auf denen sie laegen, losmache. Mir gehoere von Gott und Rechts wegen das Schiff samt allen Guetern, weil ich es gleichsam gefunden habe; doch solle ich alles sehr geheimzuhalten trachten und ihm ein kleines Geschenk von meinem Ueberfluss machen; er wolle dafuer mit seinen Sklaven mir behilflich sein, die Toten wegzuschaffen. Ich versprach, ihn reichlich zu belohnen, und wir machten uns mit fuenf Sklaven, die mit Saegen und Beilen versehen waren, auf den Weg. Unterwegs konnte der Zauberer Muley unseren gluecklichen Einfall, die Segel mit den Spruechen des Korans zu umwinden, nicht genug loben. Er sagte, es sei dies das einzige Mittel gewesen, uns zu retten. Es war noch ziemlich frueh am Tage, als wir beim Schiff ankamen. Wir machten uns alle sogleich ans Werk, und in einer Stunde lagen schon vier in dem Nachen. Einige der Sklaven mussten sie an Land rudern, um sie dort zu verscharren. Sie erzaehlten, als sie zurueckkamen, die Toten haetten ihnen die Muehe des Begrabens erspart, indem sie, sowie man sie auf die Erde gelegt habe, in Staub zerfallen seien. Wir fuhren fort, die Toten abzusaegen, und bis vor Abend waren alle an Land gebracht. Es war endlich keiner mehr an Bord als der, welcher am Mast angenagelt war. Umsonst suchten wir den Nagel aus dem Holze zu ziehen, keine Gewalt vermochte ihn auch nur ein Haarbreit zu verruecken. Ich wusste nicht, was anzufangen war; man konnte doch nicht den Mastbaum abhauen, um ihn ans Land zu fuehren. Doch aus dieser Verlegenheit half Muley. Er liess schnell einen Sklaven an Land rudern, um einen Topf mit Erde zu bringen. Als dieser herbeigeholt war, sprach der Zauberer geheimnisvolle Worte darueber aus und schuettete die Erde auf das Haupt des Toten. Sogleich schlug dieser die Augen auf, holte tief Atem, und die Wunde des Nagels in seiner Stirne fing an zu bluten. Wir zogen den Nagel jetzt leicht heraus, und der Verwundete fiel einem Sklaven in die Arme. "Wer hat mich hierhergefuehrt?" sprach er, nachdem er sich ein wenig erholt zu haben schien. Muley zeigte auf mich, und ich trat zu ihm. "Dank dir, unbekannter Fremdling, du hast mich von langen Qualen errettet. Seit fuenfzig Jahren schifft mein Leib durch diese Wogen, und mein Geist war verdammt, jede Nacht in ihn zurueckzukehren. Aber jetzt hat mein Haupt die Erde beruehrt, und ich kann versoehnt zu meinen Vaetern gehen." Ich bat ihn, uns doch zu sagen, wie er zu diesem schrecklichen Zustand gekommen sei, und er sprach: "Vor fuenfzig Jahren war ich ein maechtiger, angesehener Mann und wohnte in Algier; die Sucht nach Gewinn trieb mich, ein Schiff auszuruesten und Seeraub zu treiben. Ich hatte dieses Geschaeft schon einige Zeit fortgefuehrt, da nahm ich einmal auf Zante einen Derwisch an Bord, der umsonst reisen wollte. Ich und meine Gesellen waren rohe Leute und achteten nicht auf die Heiligkeit des Mannes; vielmehr trieb ich mein Gespoett mit ihm. Als er aber einst in heiligem Eifer mir meinen suendigen Lebenswandel verwiesen hatte, uebermannte mich nachts in meiner Kajuete, als ich mit meinem Steuermann viel getrunken hatte, der Zorn. Wuetend ueber das, was mir ein Derwisch gesagt hatte und was ich mir von keinem Sultan haette sagen lassen, stuerzte ich aufs Verdeck und stiess ihm meinen Dolch in die Brust. Sterbend verwuenschte er mich und meine Mannschaft, nicht sterben und nicht leben zu koennen, bis wir unser Haupt auf die Erde legten. Der Derwisch starb, und wir warfen ihn in die See und verlachten seine Drohungen; aber noch in derselben Nacht erfuellten sich seine Worte. Ein Teil meiner Mannschaft empoerte sich gegen mich--Mit fuerchterlicher Wut wurde gestritten, bis meine Anhaenger unterlagen und ich an den Mast genagelt wurde. Aber auch die Empoerer erlagen ihren Wunden, und bald war mein Schiff nur ein grosses Grab. Auch mir brachen die Augen, mein Atem hielt an, und ich meinte zu sterben. Aber es war nur eine Erstarrung, die mich gefesselt hielt; in der naechsten Nacht, zur naemlichen Stunde, da wir den Derwisch in die See geworfen, erwachten ich und alle meine Genossen, das Leben war zurueckgekehrt, aber wir konnten nichts tun und sprechen, als was wir in jener Nacht gesprochen und getan hatten. So segeln wir seit fuenfzig Jahren, koennen nicht leben, nicht sterben; denn wie konnten wir das Land erreichen? Mit toller Freude segelten wir allemal mit vollen Segeln in den Sturm, weil wir hofften, endlich an einer Klippe zu zerschellen und das muede Haupt auf dem Grund des Meeres zur Ruhe zu legen. Es ist uns nicht gelungen. Jetzt aber werde ich sterben. Noch einmal meinen Dank, unbekannter Retter, wenn Schaetze dich lohnen koennen, so nimm mein Schiff als Zeichen meiner Dankbarkeit." Der Kapitano liess sein Haupt sinken, als er so gesprochen hatte, und verschied. Sogleich zerfiel er auch, wie seine Gefaehrten, in Staub. Wir sammelten diesen in ein Kaestchen und begruben ihn an Land; aus der Stadt nahm ich aber Arbeiter, die mir mein Schiff in guten Zustand setzten. Nachdem ich die Waren, die ich an Bord hatte, gegen andere mit grossem Gewinn eingetauscht hatte, mietete ich Matrosen, beschenkte meinen Freund Muley reichlich und schiffte mich nach meinem Vaterlande ein. Ich machte aber einen Umweg, indem ich an vielen Inseln und Laendern landete und meine Waren zu Markt brachte. Der Prophet segnete mein Unternehmen. Nach dreiviertel Jahren lief ich, noch einmal so reich, als mich der sterbende Kapitaen gemacht hatte, in Balsora ein. Meine Mitbuerger waren erstaunt ueber meine Reichtuemer und mein Glueck und glaubten nicht anders, als dass ich das Diamantental des beruehmten Reisenden Sindbad gefunden habe. Ich liess sie in ihrem Glauben, von nun an aber mussten die jungen Leute von Balsora, wenn sie kaum achtzehn Jahre alt waren, in die Welt hinaus, um gleich mir ihr Glueck zu machen. Ich aber lebte ruhig und in Frieden, und alle fuenf Jahre mache ich eine Reise nach Mekka, um dem Herrn an heiliger Staette fuer seinen Segen zu danken und fuer den Kapitano und seine Leute zu bitten, dass er sie in sein Paradies aufnehme. --------------------------Die Reise der Karawane war den anderen Tag ohne Hindernis fuerder gegangen, und als man im Lagerplatz sich erholt hatte, begann Selim, der Fremde, zu Muley, dem juengsten der Kaufleute, also zu sprechen: "Ihr seid zwar der Juengste von uns, doch seid Ihr immer froehlich und wisst fuer uns gewiss irgendeinen guten Schwank. Tischet ihn auf, dass er uns erquicke nach der Hitze des Tages!" "Wohl moechte ich euch etwas erzaehlen", antwortete Muley, "das euch Spass machen koennte, doch der Jugend ziemt Bescheidenheit in allen Dingen; darum muessen meine aelteren Reisegefaehrten den Vorrang haben. Zaleukos ist immer so ernst und verschlossen, sollte er uns nicht erzaehlen, was sein Leben so ernst machte? Vielleicht, dass wir seinen Kummer, wenn er solchen hat, lindern koennen; denn gerne dienen wir dem Bruder, wenn er auch anderen Glaubens ist." Der Aufgerufene war ein griechischer Kaufmann, ein Mann in mittleren Jahren, schoen und kraeftig, aber sehr ernst. Ob er gleich ein Unglaeubiger (nicht Muselmann) war, so liebten ihn doch seine Reisegefaehrten, denn er hatte durch sein ganzes Wesen Achtung und Zutrauen eingefloesst. Er hatte uebrigens nur eine Hand, und einige seiner Gefaehrten vermuteten, dass vielleicht dieser Verlust ihn so ernst stimme. Zaleukos antwortete auf die zutrauliche Frage Muleys: "Ich bin sehr geehrt durch euer Zutrauen; Kummer habe ich keinen, wenigstens keinen, von welchem ihr auch mit dem besten Willen mir helfen koenntet. Doch weil Muley mir meinen Ernst vorzuwerfen scheint, so will ich euch einiges erzaehlen, was mich rechtfertigen soll, wenn ich ernster bin als andere Leute. Ihr sehet, dass ich meine linke Hand verloren habe. Sie fehlt mir nicht von Geburt an, sondern ich habe sie in den schrecklichsten Tagen meines Lebens eingebuesst. Ob ich die Schuld davon trage, ob ich unrecht habe, seit jenen Tagen ernster, als es meine Lage mit sich bringt, zu sein, moeget ihr beurteilen, wenn ihr vernommen habt die Geschichte von der abgehauenen Hand." Die Geschichte von der abgehauenen Hand Wilhelm Hauff Ich bin in Konstantinopel geboren; mein Vater war ein Dragoman (Dolmetscher) bei der Pforte (dem tuerkischen Hof) und trieb nebenbei einen ziemlich eintraeglichen Handel mit wohlriechenden Essenzen und seidenen Stoffen. Er gab mir eine gute Erziehung, indem er mich teils selbst unterrichtete, teils von einem unserer Priester mir Unterricht geben liess. Er bestimmte mich anfangs, seinen Laden einmal zu uebernehmen, als ich aber groessere Faehigkeiten zeigte, als er erwartet hatte, bestimmte er mich auf das Anraten seiner Freunde zum Arzt; weil ein Arzt, wenn er etwas mehr gelernt hat als die gewoehnlichen Marktschreier, in Konstantinopel sein Glueck machen kann. Es kamen viele Franken in unser Haus, und einer davon ueberredete meinen Vater, mich in sein Vaterland, nach der Stadt Paris, reisen zu lassen, wo man solche Sachen unentgeltlich und am besten lernen koenne. Er selbst aber wolle mich, wenn er zurueckreise, umsonst mitnehmen. Mein Vater, der in seiner Jugend auch gereist war, schlug ein, und der Franke sagte mir, ich koenne mich in drei Monaten bereithalten. Ich war ausser mir vor Freude, fremde Laender zu sehen. Der Franke hatte endlich seine Geschaefte abgemacht und sich zur Reise bereitet; am Vorabend der Reise fuehrte mich mein Vater in sein Schlafkaemmerlein. Dort sah ich schoene Kleider und Waffen auf dem Tische liegen. Was meine Blicke aber noch mehr anzog, war ein grosser Haufe Goldes, denn ich hatte noch nie so viel beieinander gesehen. Mein Vater umarmte mich und sagte: "Siehe, mein Sohn, ich habe dir Kleider zu der Reise besorgt. Jene Waffen sind dein, es sind die naemlichen, die mir dein Grossvater umhing, als ich in die Fremde auszog. Ich weiss, du kannst sie fuhren; gebrauche sie aber nie, als wenn du angegriffen wirst; dann aber schlage auch tuechtig drauf. Mein Vermoegen ist nicht gross; siehe, ich habe es in drei Teile geteilt, einer davon ist dein; einer davon ist mein Unterhalt und Notpfennig, der dritte aber sei mir ein heiliges, unantastbares Gut, er diene dir in der Stunde der Not!" So sprach mein alter Vater, und Traenen hingen ihm im Auge, vielleicht aus Ahnung, denn ich habe ihn nie wiedergesehen. Die Reise ging gut vonstatten; wir waren bald im Lande der Franken angelangt, und sechs Tagreisen nachher kamen wir in die grosse Stadt Paris. Hier mietete mir mein fraenkischer Freund ein Zimmer und riet mir, mein Geld, das in allem zweitausend Taler betrug, vorsichtig anzuwenden. Ich lebte drei Jahre in dieser Stadt und lernte, was ein tuechtiger Arzt wissen muss; ich muesste aber luegen, wenn ich sagte, dass ich gerne dort gewesen sei; denn die Sitten dieses Volkes gefielen mir nicht; auch hatte ich nur wenige gute Freunde dort, diese aber waren edle, junge Maenner. Die Sehnsucht nach der Heimat wurde endlich maechtig in mir; in der ganzen Zeit hatte ich nichts von meinem Vater gehoert, und ich ergriff daher eine guenstige Gelegenheit, nach Hause zu kommen. Es ging naemlich eine Gesandtschaft aus Frankenland nach der Hohen Pforte. Ich verdingte mich als Wundarzt in das Gefolge des Gesandten und kam gluecklich wieder nach Stambul. Das Haus meines Vaters aber fand ich verschlossen, und die Nachbarn staunten, als sie mich sahen, und sagten mir, mein Vater sei vor zwei Monaten gestorben. Jener Priester, der mich in meiner Jugend unterrichtet hatte, brachte nur den Schluessel; allein und verlassen zog ich in das veroedete Haus ein. Ich fand noch alles, wie es mein Vater verlassen hatte; nur das Gold, das er mir zu hinterlassen versprach, fehlte. Ich fragte den Priester darueber, und dieser verneigte sich und sprach: "Euer Vater ist als ein heiliger Mann gestorben; denn er hat sein Gold der Kirche vermacht." Dies war und blieb mir unbegreiflich; doch was wollte ich machen; ich hatte keine Zeugen gegen den Priester und musste froh sein, dass er nicht auch das Haus und die Waren meines Vaters als Vermaechtnis angesehen hatte. Dies war das erste Unglueck, das mich traf. Von jetzt an aber kam es Schlag auf Schlag. Mein Ruf als Arzt wollte sich gar nicht ausbreiten, weil ich mich schaemte, den Marktschreier zu machen, und ueberall fehlte mir die Empfehlung meines Vaters, der mich bei den Reichsten und Vornehmsten eingefuehrt haette, die jetzt nicht mehr an den armen Zaleukos dachten. Auch die Waren meines Vaters fanden keinen Abgang; denn die Kunden hatten sich nach seinem Tode verlaufen, und neue bekommt man nur langsam. Als ich einst trostlos ueber meine Lage nachdachte, fiel mir ein, dass ich oft in Franken Maenner meines Volkes gesehen hatte, die das Land durchzogen und ihre Waren auf den Maerkten der Staedte auslegten; ich erinnerte mich, dass man ihnen gerne abkaufte, weil sie aus der Fremde kamen, und dass man bei solchem Handel das Hundertfache erwerben koenne. Sogleich war auch mein Entschluss gefasst. Ich verkaufte mein vaeterliches Haus, gab einen Teil des geloesten Geldes einem bewaehrten Freunde zum Aufbewahren, von dem uebrigen aber kaufte ich, was man in Franken selten hat, wie Schals, seidene Zeuge, Salben und Oele, mietete einen Platz auf einem Schiff und trat so meine zweite Reise nach Franken an. Es schien, als ob das Glueck, sobald ich die Schloesser der Dardanellen im Ruecken hatte, mir wieder guenstig geworden waere. Unsere Fahrt war kurz und gluecklich. Ich durchzog die grossen und kleinen Staedte der Franken und fand ueberall willige Kaeufer meiner Waren. Mein Freund in Stambul sandte mir immer wieder frische Vorraete, und ich wurde von Tag zu Tag wohlhabender. Als ich endlich so viel erspart hatte, dass ich glaubte, ein groesseres Unternehmen wagen zu koennen, zog ich mit meinen Waren nach Italien. Etwas muss ich aber noch gestehen, was mir auch nicht wenig Geld einbrachte: ich nahm auch meine Arzneikunst zu Hilfe. Wenn ich in eine Stadt kam, liess ich durch Zettel verkuenden, dass ein griechischer Arzt da sei, der schon viele geheilt habe; und wahrlich, mein Balsam und meine Arzneien haben mir manche Zechine eingebracht. So war ich endlich nach der Stadt Florenz in Italien gekommen. Ich nahm mir vor, laengere Zeit in dieser Stadt zu bleiben, teils weil sie mir so wohl gefiel, teils auch, weil ich mich von den Strapazen meines Umherziehens erholen wollte. Ich mietete mir ein Gewoelbe in dem Stadtviertel St. Croce und nicht weit davon ein paar schoene Zimmer, die auf einen Altan fuehrten, in einem Wirtshaus. Sogleich liess ich auch meine Zettel umhertragen, die mich als Arzt und Kaufmann ankuendigten. Ich hatte kaum mein Gewoelbe eroeffnet, so stroemten auch die Kaeufer herzu, und ob ich gleich ein wenig hohe Preise hatte, so verkaufte ich doch mehr als andere, weil ich gefaellig und freundlich gegen meine Kunden war. Ich hatte schon vier Tage vergnuegt in Florenz verlebt, als ich eines Abends, da ich schon mein Gewoelbe schliessen und nur die Vorraete in meinen Salbenbuechsen nach meiner Gewohnheit noch einmal mustern wollte, in einer kleinen Buechse einen Zettel fand, den ich mich nicht erinnerte, hineingetan zu haben. Ich oeffnete den Zettel und fand darin eine Einladung, diese Nacht Punkt zwoelf Uhr auf der Bruecke, die man Ponte vecchio heisst, mich einzufinden. Ich sann lange darueber nach, wer es wohl sein koennte, der mich dorthin einlud, da ich aber keine Seele in Florenz kannte, dachte ich, man werde mich vielleicht heimlich zu irgendeinem Kranken fuehren wollen, was schon oefter geschehen war. Ich beschloss also hinzugehen, doch hing ich zur Vorsicht den Saebel um, den mir einst mein Vater geschenkt hatte. Als es stark gegen Mitternacht ging, machte ich mich auf den Weg und kam bald auf die Ponte vecchio. Ich fand die Bruecke verlassen und oede und beschloss zu warten, bis er erscheinen wuerde, der mich rief. Es war eine kalte Nacht; der Mond schien hell, und ich schaute hinab in die Wellen des Arno, die weithin im Mondlicht schimmerten. Auf den Kirchen der Stadt schlug es jetzt zwoelf Uhr; ich richtete mich auf, und vor mir stand ein grosser Mann, ganz in einen roten Mantel gehuellt, dessen einen Zipfel er vor das Gesicht hielt. Ich war von Anfang etwas erschrocken, weil er so ploetzlich hinter mir stand, fasste mich aber sogleich wieder und sprach: "Wenn Ihr mich habt hierher bestellt, so sagt an, was steht zu Eurem Befehl?" Der Rotmantel wandte sich um und sagte langsam: "Folge!" Da ward mir's doch etwas unheimlich zumute, mit diesem Unbekannten allein zu gehen; ich blieb stehen und sprach: "Nicht also, lieber Herr, wollet mir vorerst sagen, wohin; auch koennet Ihr mir Euer Gesicht ein wenig zeigen, dass ich sehe, ob Ihr Gutes mit mir vorhabt." Der Rote aber schien sich nicht darum zu kuemmern. "Wenn du nicht willst, Zaleukos, so bleibe!" antwortete er und ging weiter. Da entbrannte mein Zorn. "Meinet Ihr", rief ich aus, "ein Mann wie ich lasse sich von jedem Narren foppen, und ich werde in dieser kalten Nacht umsonst gewartet haben?" In drei Spruengen hatte ich ihn erreicht, packte ihn an seinem Mantel und schrie noch lauter, indem ich die andere Hand an den Saebel legte; aber der Mantel blieb mir in der Hand, und der Unbekannte war um die naechste Ecke verschwunden. Mein Zorn legte sich nach und nach; ich hatte doch den Mantel, und dieser sollte mir schon den Schluessel zu diesem wunderlichen Abenteuer geben. Ich hing ihn um und ging meinen Weg weiter nach Hause. Als ich kaum noch hundert Schritte davon entfernt war, streifte jemand dicht an mir vorueber und fluesterte in fraenkischer Sprache: "Nehmt Euch in acht, Graf, heute nacht ist nichts zu machen." Ehe ich mich aber umsehen konnte, war dieser Jemand schon vorbei, und ich sah nur noch einen Schatten an den Haeusern hinschweben. Dass dieser Zuruf den Mantel und nicht mich anging, sah ich ein; doch gab er mir kein Licht ueber die Sache. Am anderen Morgen ueberlegte ich, was zu tun sei. Ich war von Anfang gesonnen, den Mantel ausrufen zu lassen, als haette ich ihn gefunden; doch da konnte der Unbekannte ihn durch einen Dritten holen lassen, und ich haette dann keinen Aufschluss ueber die Sache gehabt. Ich besah, indem ich so nachdachte, den Mantel naeher. Er war von schwerem genuesischem Samt, purpurrot, mit astrachanischem Pelz verbraemt und reich mit Gold bestickt. Der prachtvolle Anblick des Mantels brachte mich auf einen Gedanken, den ich auszufuehren beschloss. Ich trug ihn in mein Gewoelbe und legte ihn zum Verkauf aus, setzte aber auf ihn einen so hohen Preis, dass ich gewiss war, keinen Kaeufer zu finden. Mein Zweck dabei war, jeden, der nach dem Pelz fragen wuerde, scharf ins Auge zu fassen; denn die Gestalt des Unbekannten, die sich mir nach Verlust des Mantels, wenn auch nur fluechtig, doch bestimmt zeigte, wollte ich aus Tausenden erkennen. Es fanden sich viele Kauflustige zu dem Mantel, dessen ausserordentliche Schoenheit alle Augen auf sich zog; aber keiner glich entfernt dem Unbekannten, keiner wollte den hohen Preis von zweihundert Zechinen dafuer bezahlen. Auffallend war mir dabei, dass, wenn ich einen oder den anderen fragte, ob denn sonst kein solcher Mantel in Florenz sei, alle mit "Nein!" antworteten und versicherten, eine so kostbare und geschmackvolle Arbeit nie gesehen zu haben. Es wollte schon Abend werden, da kam endlich ein junger Mann, der schon oft bei mir gewesen war und auch heute viel auf den Mantel geboten hatte, warf einen Beutel mit Zechinen auf den Tisch und rief: "Bei Gott! Zaleukos, ich muss deinen Mantel haben, und sollte ich zum Bettler darueber werden." Zugleich begann er, seine Goldstuecke aufzuzaehlen. Ich kam in grosse Not; ich hatte den Mantel nur ausgehaengt, um vielleicht die Blicke meines Unbekannten darauf zu ziehen, und jetzt kam ein junger Tor, um den ungeheuren Preis zu zahlen. Doch was blieb mir uebrig; ich gab nach, denn es tat mir auf der anderen Seite der Gedanke wohl, fuer mein naechtliches Abenteuer so schoen entschaedigt zu werden. Der Juengling hing sich den Mantel um und ging; er kehrte aber auf der Schwelle wieder um, indem er ein Papier, das am Mantel befestigt war, losmachte, mir zuwarf und sagte: "Hier, Zaleukos, haengt etwas, das wohl nicht zu dem Mantel gehoert." Gleichgueltig nahm ich den Zettel; aber siehe da, dort stand geschrieben: "Bringe heute nacht um die bewusste Stunde den Mantel auf die Ponte vecchio, vierhundert Zechinen warten deiner." Ich stand wie niedergedonnert. So hatte ich also mein Glueck selbst verscherzt und meinen Zweck gaenzlich verfehlt! Doch ich besann mich nicht lange, raffte die zweihundert Zechinen zusammen, sprang dem, der den Mantel gekauft hatte, nach und sprach: "Nehmt Eure Zechinen wieder, guter Freund, und lasst mir den Mantel, ich kann ihn unmoeglich hergeben." Dieser hielt die Sache von Anfang fuer Spass, als er aber merkte, dass es Ernst war, geriet er in Zorn ueber meine Forderung, schalt mich einen Narren, und so kam es endlich zu Schlaegen. Doch ich war so gluecklich, im Handgemenge ihm den Mantel zu entreissen, und wollte schon mit ihm davoneilen, als der junge Mann die Polizei zu Hilfe rief und mich mit sich vor Gericht zog. Der Richter war sehr erstaunt ueber die Anklage und sprach meinem Gegner den Mantel zu. Ich aber bot dem Juenglinge zwanzig, fuenfzig, achtzig, ja hundert Zechinen ueber seine zweihundert, wenn er mir den Mantel liesse. Was meine Bitten nicht vermochten, bewirkte mein Gold. Er nahm meine guten Zechinen, ich aber zog mit dem Mantel triumphierend ab und musste mir gefallen lassen, dass man mich in ganz Florenz fuer einen Wahnsinnigen hielt. Doch die Meinung der Leute war mir gleichgueltig; ich wusste es ja besser als sie, dass ich an dem Handel noch gewann. Mit Ungeduld erwartete ich die Nacht. Um dieselbe Zeit wie gestern ging ich, den Mantel unter dem Arm, auf die Ponte vecchio. Mit dem letzten Glockenschlag kam die Gestalt aus der Nacht heraus auf mich zu. Es war unverkennbar der Mann von gestern. "Hast du den Mantel?" wurde ich gefragt. "Ja, Herr", antwortete ich, "aber er kostete mich bar hundert Zechinen." "Ich weiss es", entgegnete jener. "Schau auf, hier sind vierhundert." Er trat mit mir an das breite Gelaender der Bruecke und zaehlte die Goldstuecke hin. Vierhundert waren es; praechtig blitzten sie im Mondschein, ihr Glanz erfreute mein Herz, ach! Es ahnete nicht, dass es seine letzte Freude sein werde. Ich steckte mein Geld in die Tasche und wollte mir nun auch den guetigen Unbekannten recht betrachten; aber er hatte eine Larve vor dem Gesicht, aus der mich dunkle Augen furchtbar anblitzten. "Ich danke Euch, Herr, fuer Eure Guete", sprach ich zu ihm, "was verlangt Ihr jetzt von mir? Das sage ich Euch aber vorher, dass es nichts Unrechtes sein darf." "Unnoetige Sorge", antwortete er, indem er den Mantel um die Schultern legte, "ich bedarf Eurer Hilfe als Arzt; doch nicht fuer einen Lebenden, sondern fuer einen Toten." "Wie kann das sein?" rief ich voll Verwunderung. "Ich kam mit meiner Schwester aus fernen Landen", erzaehlte er und winkte mir zugleich, ihm zu folgen. "Ich wohnte hier mit ihr bei einem Freund meines Hauses. Meine Schwester starb gestern schnell an einer Krankheit, und die Verwandten wollen sie morgen begraben. Nach einer alten Sitte unserer Familie aber sollen alle in der Gruft der Vaeter ruhen; viele, die in fremden Landen starben, ruhen dennoch dort einbalsamiert. Meinen Verwandten goenne ich nun ihren Koerper; meinem Vater aber muss ich wenigstens den Kopf seiner Tochter bringen, damit er sie noch einmal sehe." Diese Sitte, die Koepfe geliebter Anverwandten abzuschneiden, kam mir zwar etwas schrecklich vor; doch wagte ich nichts dagegen einzuwenden aus Furcht, den Unbekannten zu beleidigen. Ich sagte ihm daher, dass ich mit dem Einbalsamieren der Toten wohl umgehen koenne, und bat ihn, mich zu der Verstorbenen zu fuehren. Doch konnte ich mich nicht enthalten zu fragen, warum denn dies alles so geheimnisvoll und in der Nacht geschehen muesse. Er antwortete mir, dass seine Anverwandten, die seine Absicht fuer grausam hielten, bei Tage ihn abhalten wuerden; sei aber nur erst einmal der Kopf abgenommen, so koennten sie wenig mehr darueber sagen. Er haette mir zwar den Kopf bringen koennen; aber ein natuerliches Gefuehl halte ihn ab, ihn selbst abzunehmen. Wir waren indes bis an ein grosses, prachtvolles Haus gekommen. Mein Begleiter zeigte es mir als das Ziel unseres naechtlichen Spazierganges. Wir gingen an dem Haupttor des Hauses vorbei, traten in eine kleine Pforte, die der Unbekannte sorgfaeltig hinter sich zumachte, und stiegen nun im Finstern eine enge Wendeltreppe hinan. Sie fuehrte in einen spaerlich erleuchteten Gang, aus welchem wir in ein Zimmer gelangten, das eine Lampe, die an der Decke befestigt war, erleuchtete. In diesem Gemach stand ein Bett, in welchem der Leichnam lag. Der Unbekannte wandte sein Gesicht ab und schien Traenen verbergen zu wollen. Er deutete nach dem Bett, befahl mir, mein Geschaeft gut und schnell zu verrichten, und ging wieder zur Tuere hinaus. Ich packte meine Messer, die ich als Arzt immer bei mir fuehrte, aus und naeherte mich dem Bett. Nur der Kopf war von der Leiche sichtbar; aber dieser war so schoen, dass mich unwillkuerlich das innigste Mitleiden ergriff. In langen Flechten hing das dunkle Haar herab, das Gesicht war bleich, die Augen geschlossen. Ich machte zuerst einen Einschnitt in die Haut, nach der Weise der Aerzte, wenn sie ein Glied abschneiden. Sodann nahm ich mein schaerfstes Messer und schnitt mit einem Zug die Kehle durch. Aber welcher Schrecken! Die Tote schlug die Augen auf, schloss sie aber gleich wieder, und in einem tiefen Seufzer schien sie jetzt erst ihr Leben auszuhauchen. Zugleich schoss mir ein Strahl heissen Blutes aus der Wunde entgegen. Ich ueberzeugte mich, dass ich erst die Arme getoetet hatte; denn dass sie tot sei, war kein Zweifel, da es von dieser Wunde keine Rettung gab. Ich stand einige Minuten in banger Beklommenheit ueber das, was geschehen war. Hatte der Rotmantel mich betrogen, oder war die Schwester vielleicht nur scheintot gewesen? Das letztere schien mir wahrscheinlicher. Aber ich durfte dem Bruder der Verstorbenen nicht sagen, dass vielleicht ein weniger rascher Schnitt sie erweckt haette, ohne sie zu toeten, darum wollte ich den Kopf vollends abloesen; aber noch einmal stoehnte die Sterbende, streckt sich in schmerzhafter Bewegung aus und starb. Da uebermannte mich der Schrecken, und ich stuerzte schaudernd aus dem Gemach. Aber draussen im Gang war es finster; denn die Lampe war verloescht. Keine Spur von meinem Begleiter war zu entdecken, und ich musste aufs ungefaehr mich im Finstern an der Wand fortbewegen, um an die Wendeltreppe zu gelangen. Ich fand sie endlich und kam halb fallend, halb gleitend hinab. Auch unten war kein Mensch. Die Tuere fand ich nur angelehnt, und ich atmete freier, als ich auf der Strasse war; denn in dem Hause war mir ganz unheimlich geworden. Von Schrecken gespornt, rannte ich in meine Wohnung und begrub mich in die Polster meines Lagers, um das Schreckliche zu vergessen, das ich getan hatte. Aber der Schlaf floh mich, und erst der Morgen ermahnte mich wieder, mich zu fassen. Es war mir wahrscheinlich, dass der Mann, der mich zu dieser verruchten Tat, wie sie mir jetzt erschien, verfuehrt hatte, mich nicht angeben wuerde. Ich entschloss mich, gleich in mein Gewoelbe an mein Geschaeft zu gehen und womoeglich eine sorglose Miene anzunehmen. Aber ach! Ein neuer Umstand, den ich jetzt erst bemerkte, vermehrte noch meinen Kummer. Meine Muetze und mein Guertel wie auch meine Messer fehlten mir, und ich war ungewiss, ob ich sie in dem Zimmer der Getoeteten gelassen oder erst auf meiner Flucht verloren hatte. Leider schien das erste wahrscheinlicher, und man konnte mich also als Moerder entdecken. Ich oeffnete zur gewoehnlichen Zeit mein Gewoelbe. Mein Nachbar trat zu mir her, wie er alle Morgen zu tun pflegte, denn er war ein gespraechiger Mann. "Ei, was sagt Ihr zu der schrecklichen Geschichte", hub er an, "die heute nacht vorgefallen ist?" Ich tat, als ob ich nichts wuesste. "Wie, solltet Ihr nicht wissen, von was die ganze Stadt erfuellt ist? Nicht wissen, dass die schoenste Blume von Florenz, Bianka, die Tochter des Gouverneurs, in dieser Nacht ermordet wurde? Ach! Ich sah sie gestern noch so heiter durch die Strassen fahren mit ihrem Braeutigam, denn heute haetten sie Hochzeit gehabt." Jedes Wort des Nachbarn war mir ein Stich ins Herz. Und wie oft kehrte meine Marter wieder; denn jeder meiner Kunden erzaehlte mir die Geschichte, immer einer schrecklicher als der andere, und doch konnte keiner so Schreckliches sagen, als ich selbst gesehen hatte. Um Mittag ungefaehr trat ein Mann vom Gericht in mein Gewoelbe und bat mich, die Leute zu entfernen. "Signore Zaleukos", sprach er, indem er die Sachen, die ich vermisste, hervorzog, "gehoeren diese Sachen Euch zu?" Ich besann mich, ob ich sie nicht gaenzlich ableugnen sollte; aber als ich durch die halbgeoeffnete Tuer meinen Wirt und mehrere Bekannte, die wohl gegen mich zeugen konnten, erblickte, beschloss ich, die Sache nicht noch durch eine Luege zu verschlimmern, und bekannte mich zu den vorgezeigten Dingen. Der Gerichtsmann bat mich, ihm zu folgen, und fuehrte mich in ein grosses Gebaeude, das ich bald fuer das Gefaengnis erkannte. Dort wies er mir bis auf weiteres ein Gemach an. Meine Lage war schrecklich, als ich so in der Einsamkeit darueber nachdachte. Der Gedanke, gemordet zu haben, wenn auch ohne Willen, kehrte immer wieder. Auch konnte ich mir nicht verhehlen, dass der Glanz des Goldes meine Sinne befangen gehalten hatte; sonst haette ich nicht so blindlings in die Falle gehen koennen. Zwei Stunden nach meiner Verhaftung wurde ich aus meinem Gemach gefuehrt. Mehrere Treppen ging es hinab, dann kam man in einen grossen Saal. Um einen langen, schwarzbehaengten Tisch sassen dort zwoelf Maenner, meistens Greise. An den Seiten des Saales zogen sich Baenke herab, angefuellt mit den Vornehmsten von Florenz; auf den Galerien, die in der Hoehe angebracht waren, standen dicht gedraengt die Zuschauer. Als ich bis vor den schwarzen Tisch getreten war, erhob sich ein Mann mit finsterer, trauriger Miene; es war der Gouverneur. Er sprach zu den Versammelten, dass er als Vater in dieser Sache nicht richten koenne und dass er seine Stelle fuer diesmal an den aeltesten der Senatoren abtrete. Der aelteste der Senatoren war ein Greis von wenigstens neunzig Jahren. Er stand gebueckt, und seine Schlaefen waren mit duennem, weissem Haar umhaengt; aber feurig brannten noch seine Augen, und seine Stimme war stark und sicher. Er hub an, mich zu fragen, ob ich den Mord gestehe. Ich bat ihn um Gehoer und erzaehlte unerschrocken und mit vernehmlichen Stimme, was ich getan hatte und was ich wusste. Ich bemerkte, dass der Gouverneur waehrend meiner Erzaehlung bald blass, bald rot wurde, und als ich geschlossen, fuhr er wuetend auf: "Wie, Elender!" rief er mir zu, "so willst du ein Verbrechen, das du aus Habgier begangen, noch einem anderen aufbuerden?" Der Senator verwies ihm seine Unterbrechung, da er sich freiwillig seines Rechtes begeben habe; auch sei es gar nicht so erwiesen, dass ich aus Habgier gefrevelt; denn nach seiner eigenen Aussage sei ja der Getoeteten nichts gestohlen worden. Ja, er ging noch weiter; er erklaerte dem Gouverneur, dass er ueber das fruehere Leben seiner Tochter Rechenschaft geben muesse; denn nur so koenne man schliessen, ob ich die Wahrheit gesagt habe oder nicht. Zugleich hob er fuer heute das Gericht auf, um sich, wie er sagte, aus den Papieren der Verstorbenen, die ihm der Gouverneur uebergeben werde, Rat zu holen. Ich wurde wieder in mein Gefaengnis zurueckgefuehrt, wo ich einen schaurigen Tag verlebte, immer mit dem heissen Wunsch beschaeftigt, dass man doch irgendeine Verbindung zwischen der Toten und dem Rotmantel entdecken moechte. Voll Hoffnung trat ich den anderen Tag in den Gerichtssaal. Es lagen mehrere Briefe auf dem Tisch. Der alte Senator fragte mich, ob sie meine Handschrift seien. Ich sah sie an und fand, dass sie von derselben Hand sein muessten wie jene beiden Zettel, die ich erhalten. Ich aeusserte dies den Senatoren; aber man schien nicht darauf zu achten und antwortete, dass ich beides geschrieben haben koenne und muesse; denn der Namenszug unter den Briefen sei unverkennbar ein Z, der Anfangsbuchstabe meines Namens. Die Briefe aber enthielten Drohungen an die Verstorbene und Warnungen vor der Hochzeit, die sie zu vollziehen im Begriff war. Der Gouverneur schien sonderbare Aufschluesse in Hinsicht auf meine Person gegeben zu haben; denn man behandelte mich an diesem Tage misstrauischer und strenger. Ich berief mich zu meiner Rechtfertigung auf meine Papiere, die sich in meinem Zimmer finden muessten; aber man sagte mir, man habe nachgesucht und nichts gefunden. So schwand mir am Schlusse dieses Gerichts alle Hoffnung, und als ich am dritten Tag wieder in den Saal gefuehrt wurde, las man mir das Urteil vor, dass ich, eines vorsaetzlichen Mordes ueberwiesen, zum Tode verurteilt sei. Dahin also war es mit mir gekommen. Verlassen von allem, was mir auf Erden noch teuer war, fern von meiner Heimat, sollte ich unschuldig in der Bluete meiner Jahre vom Beile sterben. Ich sass am Abend dieses schrecklichen Tages, der ueber mein Schicksal entschieden hatte, in meinem einsamen Kerker; meine Hoffnungen waren dahin, meine Gedanken ernsthaft auf den Tod gerichtet. Da tat sich die Tuere meines Gefaengnisses auf, und ein Mann trat herein, der mich lange schweigend betrachtete. "So finde ich dich wieder, Zaleukos?" sagte er; ich hatte ihn bei dem matten Schein meiner Lampe nicht erkannt, aber der Klang seiner Stimme erweckte alte Erinnerungen in mir, es war Valetty, einer jener wenigen Freunde, die ich in der Stadt Paris waehrend meiner Studien kannte. Er sagte, dass er zufaellig nach Florenz gekommen sei, wo sein Vater als angesehener Mann wohne, er habe von meiner Geschichte gehoert und sei gekommen, um mich noch einmal zu sehen und von mir selbst zu erfahren, wie ich mich so schwer habe verschulden koennen. Ich erzaehlte ihm die ganze Geschichte. Er schien darueber sehr verwundert und beschwor mich, ihm, meinem einzigen Freunde, alles zu sagen, um nicht mit einer Luege von hinnen zu gehen. Ich schwor ihm mit dem teuersten Eid, dass ich wahr gesprochen und dass keine andere Schuld mich druecke, als dass ich, von dem Glanze des Goldes geblendet, das Unwahrscheinliche der Erzaehlung des Unbekannten nicht erkannt habe. "So hast du Bianka nicht gekannt?" fragte jener. Ich beteuerte ihm, sie nie gesehen zu haben. Valetty erzaehlte mir nun, dass ein tiefes Geheimnis auf der Tat liege, dass der Gouverneur meine Verurteilung sehr hastig betrieben habe, und es sei nun ein Geruecht unter die Leute gekommen, dass ich Bianka schon laengst gekannt und aus Rache ueber ihre Heirat mit einem anderen sie ermordet habe. Ich bemerkte ihm, dass dies alles ganz auf den Rotmantel passe, dass ich aber seine Teilnahme an der Tat mit nichts beweisen koenne. Valetty umarmte mich weinend und versprach mir, alles zu tun, um wenigstens mein Leben zu retten. Ich hatte wenig Hoffnung; doch wusste ich, dass Valetty ein weiser und der Gesetze kundiger Mann sei und dass er alles tun werde, mich zu retten. Zwei lange Tage war ich in Ungewissheit: Endlich erschien auch Valetty. "Ich bringe Trost, wenn auch einen schmerzlichen. Du wirst leben und frei sein; aber mit Verlust einer Hand." Geruehrt dankte ich meinem Freunde fuer mein Leben. Er sagte mir, dass der Gouverneur unerbittlich gewesen sei, die Sache noch einmal untersuchen zu lassen; dass er aber endlich, um nicht ungerecht zu erscheinen, bewilligt habe, wenn man in den Buechern der florentinischen Geschichte einen aehnlichen Fall finde, so solle meine Strafe sich nach der Strafe, die dort ausgesprochen sei, richten. Er und sein Vater haben nun Tag und Nacht in den alten Buechern gelesen und endlich einen ganz dem meinigen aehnlichen Fall gefunden. Dort laute die Strafe: Es soll ihm die linke Hand abgehauen, seine Gueter eingezogen, er selbst auf ewig verbannt werden. So laute jetzt auch meine Strafe, und ich solle mich jetzt bereiten zu der schmerzhaften Stunde, die meiner warte. Ich will euch nicht diese schreckliche Stunde vor das Auge fuehren, wo ich auf offenem Markt meine Hand auf den Block legte, wo mein eigenes Blut in weitem Bogen mich ueberstroemte! Valetty nahm mich in sein Haus auf, bis ich genesen war, dann versah er mich edelmuetig mit Reisegeld; denn alles, was ich mir so muehsam erworben, war eine Beute des Gerichts geworden. Ich reiste von Florenz nach Sizilien und von da mit dem ersten Schiff, das ich fand, nach Konstantinopel. Meine Hoffnung war auf die Summe gerichtet, die ich meinem Freunde uebergeben hatte, auch bat ich ihn, bei ihm wohnen zu duerfen; aber wie erstaunte ich, als dieser mich fragte, warum ich denn nicht mein Haus beziehe! Er sagte mir, dass ein fremder Mann unter meinem Namen ein Haus in dem Quartier der Griechen gekauft habe; derselbe habe auch den Nachbarn gesagt, dass ich bald selbst kommen werde. Ich ging sogleich mit meinem Freunde dahin und wurde von allen meinen Bekannten freudig empfangen. Ein alter Kaufmann gab mir einen Brief, den der Mann, der fuer mich gekauft hatte, hiergelassen habe. Ich las: "Zaleukos! Zwei Haende stehen bereit, rastlos zu schaffen, dass Du nicht fuehlest den Verlust der einen. Das Haus, das Du siehest, und alles, was darin ist, ist Dein, und alle Jahre wird man Dir so viel reichen, dass Du zu den Reichen Deines Volkes gehoeren wirst. Moegest Du dem vergeben, der ungluecklicher ist als Du." Ich konnte ahnen, wer es geschrieben, und der Kaufmann sagte mir auf meine Frage: Es sei ein Mann gewesen, den er fuer einen Franken gehalten, er habe einen roten Mantel angehabt. Ich wusste genug, um mir zu gestehen, dass der Unbekannte doch nicht ganz von aller edlen Gesinnung entbloesst sein muesse. In meinem neuen Haus fand ich alles aufs beste eingerichtet, auch ein Gewoelbe mit Waren, schoener als ich sie je gehabt. Zehn Jahre sind seitdem verstrichen; mehr aus alter Gewohnheit, als weil ich es noetig habe, setze ich meine Handelsreisen fort; doch habe ich jenes Land, wo ich so ungluecklich wurde, nie mehr gesehen. Jedes Jahr erhielt ich seitdem tausend Goldstuecke; aber, wenn es mir auch Freude macht, jenen Ungluecklichen edel zu wissen, so kann er mir doch den Kummer meiner Seele nicht abkaufen, denn ewig lebt in mir das grauenvolle Bild der ermordeten Bianka. --------------------------Zaleukos, der griechische Kaufmann, hatte seine Geschichte geendigt. Mit grosser Teilnahme hatten ihm die uebrigen zugehoert, besonders der Fremde schien sehr davon ergriffen zu sein; er hatte einigemal tief geseufzt, und Muley schien es sogar, als habe er einmal Traenen in den Augen gehabt. Sie besprachen sich noch lange Zeit ueber diese Geschichte. "Und hasst Ihr den Unbekannten nicht, der Euch so schnoed' um ein so edles Glied Eures Koerpers, der selbst Euer Leben in Gefahr brachte?" fragte der Fremde. "Wohl gab es in frueherer Zeit Stunden", antwortete der Grieche, "in denen mein Herz ihn vor Gott angeklagt, dass er diesen Kummer ueber mich gebracht und mein Leben vergiftet habe; aber ich fand Trost in dem Glauben meiner Vaeter, und dieser befiehlt mir, meine Feinde zu lieben; auch ist er wohl noch ungluecklicher als ich." "Ihr seid ein edler Mann!" rief der Fremde und drueckte geruehrt dem Griechen die Hand. Der Anfuehrer der Wache unterbrach sie aber in ihrem Gespraech. Er trat mit besorgter Miene in das Zelt und berichtete, dass man sich nicht der Ruhe ueberlassen duerfe; denn hier sei die Stelle, wo gewoehnlich die Karawanen angegriffen wuerden, auch glaubten seine Wachen, in der Entfernung mehrere Reiter zu sehen. Die Kaufleute waren sehr bestuerzt ueber diese Nachricht; Selim, der Fremde, aber wunderte sich ueber ihre Bestuerzung und meinte, dass sie so gut geschaetzt waeren, dass sie einen Trupp raeuberischer Araber nicht zu fuerchten brauchten. "Ja, Herr!" entgegnete ihm der Anfuehrer der Wache. "Wenn es nur solches Gesindel waere, koennte man sich ohne Sorge zur Ruhe legen; aber seit einiger Zeit zeigt sich der furchtbare Orbasan wieder, und da gilt es, auf seiner Hut zu sein." Der Fremde fragte, wer denn dieser Orbasan sei, und Achmet, der alte Kaufmann, antwortete ihm: "Es gehen allerlei Sagen unter dem Volke ueber diesen wunderbaren Mann. Die einen halten ihn fuer ein uebermenschliches Wesen, weil er oft mit fuenf bis sechs Maennern zumal einen Kampf besteht, andere halten ihn fuer einen tapferen Franken, den das Unglueck in diese Gegend verschlagen habe; von allem aber ist nur so viel gewiss, dass er ein verruchter Moerder und Dieb ist." "Das koennt Ihr aber doch nicht behaupten", entgegnete ihm Lezah, einer der Kaufleute. "Wenn er auch ein Raeuber ist, so ist er doch ein edler Mann, und als solcher hat er sich an meinem Bruder bewiesen, wie ich Euch erzaehlen koennte. Er hat seinen ganzen Stamm zu geordneten Menschen gemacht, und so lange er die Wueste durchstreift, darf kein anderer Stamm es wagen, sich sehen zu lassen. Auch raubt er nicht wie andere, sondern er erhebt nur ein Schutzgeld von den Karawanen, und wer ihm dieses willig bezahlt, der ziehet ungefaehrdet weiter; denn Orbasan ist der Herr der Wueste." Also sprachen unter sich die Reisenden im Zelte; die Wachen aber, die um den Lagerplatz ausgestellt waren, begannen unruhig zu werden. Ein ziemlich bedeutender Haufe bewaffneter Reiter zeigte sich in der Entfernung einer halben Stunde; sie schienen gerade auf das Lager zuzureiten. Einer der Maenner von der Wache ging daher in das Zelt, um zu verkuenden, dass sie wahrscheinlich angegriffen wuerden. Die Kaufleute berieten sich untereinander, was zu tun sei, ob man ihnen entgegengehen oder den Angriff abwarten solle. Achmet und die zwei aelteren Kaufleute wollten das letztere, der feurige Muley aber und Zaleukos verlangten das erstere und riefen den Fremden zu ihrem Beistand auf. Dieser zog ruhig ein kleines, blaues Tuch mit roten Sternen aus seinem Guertel hervor, band es an eine Lanze und befahl einem der Sklaven, es auf das Zelt zu stecken; er setze sein Leben zum Pfand, sagte er, die Reiter werden, wenn sie dieses Zeichen sehen, ruhig vorueberziehen. Muley glaubte nicht an den Erfolg, der Sklave aber steckte die Lanze auf das Zelt. Inzwischen hatten alle, die im Lager waren, zu den Waffen gegriffen und sahen in gespannter Erwartung den Reitern entgegen. Doch diese schienen das Zeichen auf dem Zelte erblickt zu haben, sie wichen ploetzlich von ihrer Richtung auf das Lager ab und zogen in einem gros